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"Ihr seid das Salz der Erde!" - Gedanken von Georg Schubert

"Ihr seid das Salz der Erde!"

Mit dieser Feststellung setzt Jesus die Bergpredigt fort nach den Seligpreisungen. Ihr seid das Salz der Erde! Wie bitte? Was genau könnte damit gemeint sein? Zu viel Salz ist tödlich! Mich beschäftigt dieses seltsame Wort schon länger. Was könnte Jesus damit meinen?

Drei Beobachtungen:

1. Salz steht in Opposition zum Rest. Salz ist nicht Suppe. Salz gehört in die Suppe, damit sie schmackhaft wird. Salz ist nicht Fisch – aber Fisch kann man mit Salz bewahren, so dass er lange hält. Ohne Salz geht man ein. Wir brauchen Salz zum Leben, aber wir brauchen es in einer guten Dosierung.

2. Was muss schmackhaft gemacht werden? Was soll bewahrt werden mit diesem Salz, das die Jüngerinnen und Jünger sind? Ich erinnere Sie an den Uranfang. Da schildert die Bibel, dass Adam und Eva von der Frucht gegessen haben. Damit hat sich alles verändert. Denn die Menschen haben sich entschieden, selbst zu bestimmen und zu gestalten, nicht nur in dem Rahmen, den Gott ihnen steckte, sondern völlig frei. Diese Gottlosigkeit hat Folgen. Wir erleben das.

Der Times Weltatlas zur Geschichte ist überschrieben mit: "Das Drama der Menschheitsgeschichte in sieben Abschnitten". Ich halte das für einen ehrlichen Titel. Denn viel besser ist es nicht geworden. Wohl haben wir große Erfolge in Wissenschaft und Medizin gemacht, die Erfolge machen aber auch möglich, dass die Erde durch den Menschen zerstört wird. Noch immer lagern Atomwaffen in allen möglichen Staaten, die es erlauben, die Erde mehrfach zu zerstören. "Overkill" nannten das die Militärs zur Zeit des kalten Krieges. Der Mensch hat "plein pouvoir" – volle Verfügungsgewalt über diese Erde. Er kann sie nutzen zu bauen und zu bewahren, oder aber auszubeuten und zu zerstören. Es kann also durchaus nötig sein, die Erde zu bewahren.

Paul Schütz, ein deutscher Theologe des letzten Jahrhunderts, hat vom Salzamt der Christen gesprochen: "Die Christenheit hat die Pflicht, die 'Geister zu unterscheiden': Aufdeckung des Verborgenen, Sehen des Unsichtbaren, Enthüllung des Bösen in der Gestalt des Guten. Ihr Amt ist ein bewahrendes, warnendes, beschwörendes. Ein Salzamt in der Welt: die Todesfäule der Kreatur zu beizen. Salzkorn muss der Christ sein überall in der Welt, beizendes, heilendes Salzkorn. In den Familien, in den Parlamenten, in den Regierungen, in den Fabriken, in den Gewerkschaften, in den Ausschüssen. Ja, und in den Kirchen, da ganz besonders. Damit dieses wunderbare Gebilde von Erde für den Christus bewahrt bleibe."* Das Salz bewahrt, beizt, konserviert, "damit dieses wunderbare Gebild von Erde für den Christus bewahrt bleibe." Ihr seid das Salz der Erde, hieße dann: Unsere Aufgabe ist es, die Erde zu bewahren, bis der Christus kommt.

3. Wie kann das geschehen? Ich glaube, es geschieht durch die alten Tätigkeiten der Kirche: Leiturgia (Gottesdienst feiern), Diakonia (tätige Nächstenliebe), Koinonia (Gemeinschaft) und Martyria (Zeugnis geben). Es sind, das ist meine tiefe Überzeugung, nicht die machtvollen Events, nicht die großen Veranstaltungen sondern die kleinen regelmäßigen Dienste, die diese Erde bewahren für den Christus, bis er kommt. Wir werden die Erde nicht retten, aber salzen, beizen, bewahren für den Christus.

Das geschieht eben dort, wo wir Gottesdienst feiern, auch wenn es kein Publikumsrenner ist, wo wir beten und unser Vertrauen Gott aussprechen. Es geschieht, wo Menschen nicht ungetröstet von unseren Türen gehen und wir in Gemeinschaft das Brot brechen. So legen wir Zeugnis ab von der Güte Gottes und seiner Wirklichkeit. Denn wir sind Salz, wir müssen uns nicht strebend bemühen, Salz zu werden. Der Christus selbst spricht uns zu: Ihr seid es!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete, gehaltvolle Sommerzeit

Georg Schubert



* Warum ich noch ein Christ bin (brendow Verlag, S. 243)

 

Gedanken von Pfarrerin Uta Fey

»Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt,
so lebt auch in ihm, und seid in ihm verwurzelt und gegründet
und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid,
und seid reichlich dankbar.«

(Brief an die Kolosser, Kapitel 2, Verse 6+7)

Auf dem Weg zur Kirche über den Hof Kuglerstraße begrüßen mich Schneeglöckchen auf dem Rabattenbeet. Nach den kalten und grauen Wintertagen empfinde ich es immer wieder als Wunder, dass die zarten Blumen den Frühling und damit neues Leben verkünden. Selbstverständlich ist es nicht. Frost und Schädlinge könnten den Wurzeln so zugesetzt haben, dass die Pflanzen abgestorben sind.

Es ist solch einwunderbares »Frühlingsbild«, das Paulus hier für unseren Glauben übernimmt. Der Glaube soll fest verwurzelt und gegründet sein. Paulus hatte Grund, dieses zu schreiben. Falsche Lehren machten sich in der Gemeinde in Kolosserbreit, die den Wurzeln zu schaffen machten. Auch wir kennen solche Dinge: Zweifel, Abstumpfungen, Krisen und Streit. Da, wo eben noch ein hoffnungsvoller und blühender Glaube war, ist nur noch ein vertrockneter Wurzelballen übrig geblieben.

Paulus schrieb an diese Gemeinde, obwohl er sie gar nicht persönlich kannte. Und er schrieb aus dem Gefängnis. Er hatte von dieser Gemeinde durch den Gründer Epaphras (Kolosser1,7) gehört, und seitdem betete er für sie. Er betete darum, dass die Neupflanzung Gottes bewahrt bliebe und sich keine Feinde an den Wurzeln zu schaffen machten. Und er betete darum, dass sie fest im Glauben bliebe, wie sie gelehrt worden sei. Eine Pflanzung muss auch gepflegt werden. Die Pflege im Glauben ist die Lehre.

Bei jeder Taufe versprechen Eltern und Paten wie auch die Gemeinde, nach bestem Vermögen dafür zu sorgen, dass das getaufte Kind christlich erzogen wird. Wie das konkret aussehen kann, darüber darf auch gestritten werden. Ist es doch die Erfüllung des so genannten Taufbefehles aus Matthäus 28: »Geht hin in alleWelt und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.«

Die Feier des Tauftages kann zum schönen und inhaltsvollen Brauch werden. Die Dankbarkeit über die Taufe kommt zum Beispiel im Tauferinnerungsgottesdienst zum Ausdruck, wie wir ihn nun schon seit etlichen Jahren zu Ostern in der Paul-Gerhardt-Kirche feiern. Und sie kommt auch in dem »JA« zum Glauben von 31 Mädchen und 26 Jungen zum Ausdruck, die sich zu Pfingsten konfirmieren lassen. Mit ihnen eine Wegstrecke gegangen zu sein, Glaubensinhalte und persönliche Werte im Unterricht und etlichen gemeinsamen Rüstzeiten weitergegeben – und auch von ihnen gelernt zu haben, das erfüllt uns als Lehrende mit Dankbarkeit.

Doch mit der Konfirmation ist die Pflege des Glaubens nicht zu Ende. Dies ist eine lebenslange Aufgabe, und je nach den äußeren Witterungsbedingungen wird sich die Pflege auch unterschiedlich gestalten. Wichtig ist, dass der Wurzelballen nicht beschädigt wird und nicht austrocknet. Die Pflanzen und Früchte, die der Glaube dann bringt, sind so unterschiedlich wie wir Menschen. Über die Schönheit und Vielfalt dürfen wir uns freuen und dankbar sein, denn dies zeichnet eine lebendige Gemeinde aus.

Dies ist auch unsere Osterfreude und Hoffnung, dass neues Leben in unserem Glauben immer wieder möglich ist, dass es grünt, wo alles erstorben schien, so wie wir es singen: »Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.«

Eine gesegnete Osterzeit wünscht Ihnen allen 

Ihre Pfarrerin Uta Fey

 

Gedanken über Leben und den lebendigen Gott - von Pfarrer Christian Zeiske

Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden;
denn ihm leben sie alle (Lukas 20/ 38)

Liebe Leserin, lieber Leser,

er hat eine Vorgeschichte, der Ausspruch Jesu, der uns als
Monatsspruch in die Passionszeit und zu Ostern leitet:
  Es gab im antiken Judentum ein großes Problem. Wenn
Gott die Thora, die fünf Bücher Mose, auf dem Sinai dem Mose
übergeben hat, dann muss auch alles darin zu finden sein, so
die Meinung der Rabbinen zur Zeit Jesu und zur Zeit des
jüdischen Talmuds. Nun glaubten Juden damals, wie sie es
heute tun, an die Auferstehung der Toten am jüngsten Tage.
Das Problem: in den fünf Büchern Mose steht nicht eine Silbe
über die Auferstehung der Toten.

  Eine große Diskussion unter jüdischen Schriftgelehrten
entfaltete sich. Sie hat den Namen: »tchiat hametim min
hatorah – Auferstehung der Toten aus der Thora«. Damals
fanden sich Fundamentalisten, die stur auf die Wörter der
Bibel blickten und meinten: wenn da nichts steht von der Auf-
erstehung, dann gibt es sie auch nicht. Die Gruppe der Saddu-
zäer gehörte zu diesen Fundamentalisten. Die anderen, allen
voran die Pharisäer, waren der Auffassung, man müsse die
Thora ihrem Geist nach lesen. Wenn Gott in so gewichtigen
Zeilen, wie in denen der Thora zu finden ist, dann ist es auch
wichtig, was zwischen diesen Zeilen steht. Zu den Pharisäern
gehörte auch der Apostel Paulus. Er hat einmal Sadduzäer
und Pharisäer mit der Frage nach der Auferstehung nach allen
Regeln der Kunst gegeneinander ausgespielt, um sich aus der
Affäre zu ziehen. (Wenn Sie diese schöne Geschichte nachle-
sen wollen: Apostelgeschichte 23/ 6-10.) Vielleicht war auch
Jesus Pharisäer, auf jeden Fall war er hochqualifizierter
Schriftgelehrter, in der rabbinischen Argumentation zu Hau-
se. Und dafür steht unser Monatsspruch:

  Sadduzäer wollten Jesus mit seiner Meinung, es gäbe
eine Auferstehung aus der Thora, aufs Glatteis führen. Sie
entwerfen eine lange Beispielgeschichte, die etwa darauf
hinausläuft: ›wenn jemand mehrmals im Leben heiratet und
immer wieder Witwer wird, wen hat er dann nach der Aufer-
stehung als Frau?‹ (In Klammern: die Vorstellung mehrerer
Ehefrauen nach der Auferstehung ist doch so absurd – es
kann einfach keine Auferstehung geben.)

  Jesus erwidert, dass nach dem Tode sowieso sämtliche
Kategorien von Ehe völlig andere sein werden. Und: er fügt
einen nach pharisäischen Maßstäben hochgelehrten Beweis
dazu, dass die Auferstehung sehr wohl in der Thora stehe –
wenn auch zwischen den Zeilen: unseren Monatsspruch. Im
2. Buch Mose (3/6) erscheint Gott dem Mose im brennenden
Dornbusch. Und er sagt ihm »ich bin der Gott Abrahams, der
Gott Isaaks und der Gott Jakobs«. Da nun, so folgert Jesus,
diese drei Herren zur Zeit des Ereignisses am Dornbusch
bereits gestorben waren, müsste Gott sich als ein Gott  bereits
Verstorbener offenbart haben. Das kann aber nicht sein, denn
er wäre sonst ein Gott der Toten und wäre dann auch selbst
tot. Er lebt aber und ist ein Gott der Lebenden. Folglich kön-
nen Abraham, Isaak und Jakob nur vorübergehend tot sein
und würden irgendwann, am jüngsten Tag, wieder auferste-
hen. Nur dann kann der lebendige Gott auch ein Gott der
Lebenden sein, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
  Sie finden diese Argumentation überdreht? Nun, sie ist
eben rabbinisch – und in rabbinischer Theologie ist Jesus
bestens zu Hause. Wir leben. Unser Gott kann nur ein leben-
diger Gott sein und ein Gott derer, die nach dem jüngsten
Tage auch wieder zum Leben erweckt werden.

  Jesus lässt es nicht bei seiner Beweisführung, er sagt noch
einen wohltuenden Nachsatz. Wir leben, das merken wir ja alle.
Aber leben wir einfach nur so dahin, hier auf Erden und dort im
ewigen Reich? »Denn ihm leben wir« fügt er an. Wir leben nicht
nur so dahin, wir leben für Gott. »Ihm«. Ergänzen wir doch: ›ihm
zu Ehren‹ oder ›wegen ihm‹, wir leben »ihm«. 
  Lassen Sie uns die Passionszeit auch in diesem Jahr
›leben‹, Jesu Leiden und sein Sterben ins Bewusstsein holen,
auch um uns bewusst zu werden, wo Menschen in unserer
Welt leiden und zu Tode kommen. Wenn wir »ihm« leben,
dann werden wir uns dagegen stemmen. Wir werden wissen,
dass der lebendige Gott gerade uns ausgesucht hat, um uns
mit all unserer Kraft gegen Leiden und Sterben in unserer
Welt zu wehren, ja es sogar nicht einmal zulassen, dass
jemand aus unserer Umgebung ›kaltgestellt‹ oder ›tödlich
beleidigt‹ wird.

  Lassen Sie uns nach dem Leben fragen und nach dem
lebendigen Gott. Dann aber lassen Sie uns das Fest des Lebens
und der Auferstehung feiern. Bis dahin wünsche ich Ihnen alle
lebendigen Gedanken und den Segen des lebendigen
Gottes,

herzlichst,
Ihr Pfarrer Christian Zeiske

 

Gedanken zum neuen Kirchenjahr - von Pfarrer Gisbert Mangliers

Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft.
Salvador Dalí

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Wort, das der berühmte
spanische Maler einmal gesagt haben soll, klingt für mich wie
eine gute Überschrift für die Zeit des Advents, die jetzt, wenn
der Gemeindebrief erscheint, begonnen hat. Mit dem 1.
Advent beginnt auch wieder ein neues Kirchenjahr.  Ich finde,
wir haben mit dem Rhythmus des Kirchenjahres einen ganz
besonderen Schatz. Schätze muss man pflegen und ins rich-
tige Licht setzen, damit sie von vielen betrachtet und bewun-
dert werden können.

Und wir müssen die Feste des Kirchen-
jahres wieder erklären in einer Zeit, in der immer mehr Men-
schen die Bedeutung und den Sinn dieser Feste verlernt
haben. Der Begriff »Kirchenjahr« taucht übrigens erstmals in
der Reformationszeit im Jahr 1589 auf. In der katholischen
Tradition spricht man eher vom »liturgischen Jahr«.

Wie also können wir die Abfolge der Feste im Kirchenjahr ver-
stehen? Manche haben gesagt, dahinter steht ein  pädago-
gisches Konzept, weil im Laufe des Jahres die wichtigsten
Ereignisse aus dem Leben Jesu gefeiert werden, wodurch
Christen immer mehr mit dem Leben des Christus vertraut
und zur Nachfolge gerufen werden. Wieder andere sehen in
ihnen eine kleine Dogmatik, weil die wichtigsten  Lehren der
Kirche im Laufe eines Jahres verkündet werden.

Man kann das Kirchenjahr aber auch psychologisch – existen-
tiell  verstehen, weil in ihnen grundlegende Fragen unseres
Menschseins verhandelt werden, ja weil sie uns in das
Geheimnis der Menschwerdung einweisen. Das Kirchenjahr
als »heiliges Spiel des Lebens« (A. Grün): »Jesus ist der
‚Anführer zum Leben‘, der uns durch seinen eigenen Lebens-
weg einweist in die Kunst des Lebens, der uns mitnimmt auf
seinen Weg, damit wir gemeinsam mit ihm durch die
Bedrängnisse hingelangen zu der Gestalt, die Gott uns zuge-
dacht hat.« (A. Grün/M. Reepen, Heilendes Kirchenjahr, Mün-
sterschwarzach 2004)

Und so, wie wir am Ende des vergangenen Kirchenjahres uns
auseinandergesetzt haben mit dem Geheimnis des Sterbens,
den Grenzen unseres Lebens und der Hoffnung der Auferste-
hung, so schauen wir jetzt in der Adventszeit über den Zaun
unseres Lebens und blicken in das Land der Verheißung. Wir
fragen uns: worauf warte ich eigentlich? Wonach sehne ich
mich? Was könnte mein Leben erfüllen? Was fehlt mir?

Wir stellen uns der Realität und zugleich unseren Sehnsüch-
ten, die die Wirklichkeit unseres Lebens übersteigen, d.h. wir
bekennen, dass wir sie uns letztlich nicht selbst erfüllen kön-
nen. Gerade in der Adventszeit, in der wir viel Geld und Zeit
daran setzen, uns und anderen Wünsche zu erfüllen, wird uns
auf der anderen Seit bewusst, dass wir nicht alles kaufen kön-
nen. In einem Gebet aus Tansania heißt es:

Guter Gott,
das wissen wir nur allzu gut:
Mit Geld können wir viel kaufen:
schöne Kleider, aber nicht Schönheit;
solide Häuser, aber nicht den häuslichen Frieden;
kluge Bücher, aber nicht den notwendigen Verstand;
gutes Essen, aber nicht den Appetit;
weiche Betten, aber nicht den guten Schlaf;
Medikamente, aber nicht Gesundheit;
Brillen, aber nicht die klare Sicht;
Vergnügen, aber nicht Freude;
Menschen, aber nicht Liebe;
Kirchen, aber nicht die Erlösung;
Mit Geld können wir alle Güter dieser Erde kaufen,
zu Geld können wir alle Güter dieser Erde machen,
aber nicht deine Güte, o Gott.
Darum, o Gott, befreie uns von der Sklaverei des Geldes und
der Welt der Waren.
Befreie uns, o Gott, zu deiner Güte…

Diese Güte Gottes kommt uns in der Adventszeit in vielen
Hoffnungsbildern entgegen: Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer. Sacharja 9,9
So lautet der Wochenspruch für den 1. Advent. Die Güte
Gottes in Gestalt seines Sohnes kommt uns im Advent entge-
gen. Mit dem Wort »Zukunft« übersetzt Luther das latei-
nische adventus. Wie sagte doch Savador Dalí: »Am liebsten
erinnere ich mich an die Zukunft.« Ja, diese Zukunft Gottes ist
eben  nicht einfach die Verlängerung und Fortsetzung der
Gegenwart und des Bestehenden. Zukunft bedeutet, dass
Gott auf die Welt zukommt. In seinem Sohn Jesus Christus
kommt er in die Welt, um sie von Grund auf zu erneuern.
Davon kommen wir her – daran erinnern wir uns –, und
darauf gehen wir zugleich zu. Das ist Vergangenheit, Gegen-
wart und Zukunft zugleich. Seine Zukunft nimmt uns die
Angst vor der Zukunft.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit und ein behü-
tetes neues Jahr.

Ihr Pfarerr Gisbert Mangliers

 

Gedanken von Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

Am Anfang. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und sprach: Es werde Licht.
Am Anfang schuf Gott den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Am Anfang sah Gott alles an, was er gemacht hatte, es war sehr gut.
Am Anfang. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
(Psalm 147,3)

Liebe Leserin, lieber Leser,

Der Anfang, die Genesis, von allem – so wird er in der ersten
Geschichte der Bibel und in den ersten Worten des Johan-
nesevangeliums beschrieben. Am Anfang war das Wort, das
das große »Tohuwabohu«, »Irrsal und Wirrsal«, wie es Martin
Buber übersetzt, befriedet. Am Anfang war das Wort des Ewi-
gen, nicht die Tat, wie es Goethe im Faust dichtet. »BaRa« –
das schöpferische Wort, das weit mehr ist als die bloße Buch-
stabenfolge, Ausdruck eines schöpferischen Aktes. In ihm
sind Zeit und Raum, Geborenwerden und Sterben, Lachen
und Weinen, umfasst und aufgehoben. Alles ist in diesem
Wort enthalten, Anfang und Ende, Himmel und Erde, alles,
was webt und lebt.

Und »Am Anfang« meint nicht nur ein prä-
historisches Datum. Aus der Sicht des unsichtbaren Gottes
meint »am Anfang« auch immer ein »Jetzt«, ein Hier und
Heute, einen kreativen Akt, der, so Pater Willigis Jäger, »sich
immer wieder neu im Sakrament des Augenblicks vollziehen
will«. Die Worte »am Anfang« rufen so zu immer neuem Auf-
bruch, einem Neubeginn zu etwas, was noch werden will und
wachsen soll.

So hat im Jahre 1517 auch etwas seinen Anfang genommen.
Vor fast 500 Jahren ist mit Luthers Thesenanschlag etwas
Neues auf- und der Protestantismus hat sich bahngebrochen.
Viele und uns heute selbstverständliche Werte wie Aufklä-
rung und Demokratie, wie Individualität und Menschenwür-
de, wie die Vielfalt der Religionen und die gegenseitige Tole-
ranz sind gewachsene Errungenschaften der Reformation
und ohne den kraftvollen Glauben und das mutige Wagen
Martin Luthers nur schwer vorstellbar. Wir befinden uns mit-
ten in der Lutherdekade im Zugehen und in der Erinnerung an
das 500jährige Reformationsjubiläum 2017. Für Luther ist es
dieses »Wort« gewesen, das »am Anfang war« und noch
immer ist und bleibt, das ihn getragen und getrieben hat. Er
schreibt dazu: »Beim Wort Gottes geht es nicht um viele und
vielstimmige Worte, sondern um das eine Wort, um das, was
Christum treibet.« In seiner Orientierung an diesem einen
Wort fand er einen Neubeginn, einen Anfang, seine Angst vor
dem alles beherrschenden, strafenden Gott zu überwinden;
einen Anfang, der viel Neues und die »Freiheit eines Christen-
menschen« brachte. Und dass mit diesem Wort nicht nur das
gesprochene Wort im Lesen der Bibel und in der Form der Pre-
digt gemeint ist, sondern auch das gesungene Wort, dafür
steht auch der Reformator Martin Luther.

Schon früh war das
Singen ein Markenzeichen der Lutherischen, und die Musik
galt als Herzschlag der Reformation. Luther dichtete und
komponierte eingängige Strophen, die die Protestanten als
Protestlieder schmetterten. In seinen Tischreden preist er
»die Musica« als ein »herrlich und göttlich Geschenk und
Gabe«, die Menschen »fröhlich mache«. In einer seiner Tisch-
reden heißt es: »Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes
eine ist die Musica. Der ist der Satan sehr Feind, damit man
viel Anfechtunge und böse Gedanken vertreibet. Der Teufel
erharret ihnen nicht. Musica ist der besten Künsten eine. Die
Noten machen den Text lebendig. Sie verjagt den Geist der
Traurigkeit, wie man am König Saul siehet.« Die Lutherdeka-
de steht in diesem Jahr unter dem Thema »Reformation und
Musik«. Denn der Gesang der Gemeinde ist von der »Witten-
berger Nachtigall«, wie Luther auch genannt wurde, als »sin-
gende Verkündigung« und der neuen Lehre hoch geschätzt
worden.

Bis heute singen wir in alten Chorälen, Kantaten, Motetten,
Oratorien und in modernen Liedern und Texten unserer Zeit
von unserer Not und Klage ebenso wie von der Hoffnung und
Stärke unseres Glaubens. Auch in diesem Geiste des einen
Wortes Gottes wollen wir im Gottesdienst am Reformations-
tag, dem 31. Oktober mit dem Jugend- und Gospelchor
unserer Gemeinde kraftvoll und leidenschaftlich von unserem
Glauben singen. Ich wünsche Ihnen persönlich – auch durch
das Geschenk der Musica – kraftvolle Aufbrüche und Anfän-
ge in Zeiten des Lachens und des Weinens, in Zeiten des Gebo-
renwerdens und des Sterbens, in Zeit und Raum zu haben,
umfasst und aufgehoben zu sein. Ich wünsche uns gemein-
sam als Gemeinde, dass wir Bewährtes und Hoffnungsfrohes
bewahren, die Realitäten nicht aus dem Blick verlieren und
mit der Kraft und dem Wagnis des Glaubens aufzubrechen »in
ein Land, dass ER uns zeigen wird.«


Ihr Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

 

Gedanken von Pfarrerin Uta Fey

»Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden«
(Psalm 147,3)

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben
Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen
Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmü-
cket haben.«

So singen wir es in diesen Sommertagen, auch wenn uns der
Sommer wenig Sonne und viel Regen gibt. Das Lied von Paul
Gerhardt, das als »geistliches Volkslied« bezeichnet wird,
kann zu vielen Gelegenheiten gesungen werden, nicht nur
bei Sommerfesten und Open-Air-Gottesdiensten, wie wir
dies jetzt im Paul-Gerhardt-Hof erlebt haben.
Auch zu Trauungen und sogar bei Beisetzungen wird dieses
Lied gewünscht, hat es doch so unterschiedliche Strophen,
die sich auf Freud und Leid und auch auf die Ewigkeit
beziehen.
 
Nach einer Überlieferung soll Paul Gerhardt dieses Lied für
seine Frau nach dem Tod der Kinder geschrieben haben. »Das
Herz soll ausgehen« – in die Gärten mit all ihrer Pracht, welch
ein schönes Bild! Oft erlebe ich Menschen, die nach dem
Tode von nahen Angehörigen Trost in der Natur und Gottes
Schöpfung suchen. Im Psalm 147 und auch bei Paul Gerhardt
ist klar, dass hinter aller Schöpfung Gott, der Schöpfer, steht.  
Er heilt, so heißt es im Psalm, diejenigen, deren Herz zerbro-
chen ist. Manchmal wird gesagt, dass Menschen an »zerbro-
chenem Herzen« gestorben sind. Alkohol oder Tabletten sind
die eigentliche Todesursache, die aber nur »das zerbrochene
Herz« betäuben sollten. Ist Gott wirklich in der Lage, Men-
schen mit »zerbrochenem Herzen« zu heilen? Im Psalm heißt
es, dass Gott die am Boden zerstörten Menschen wieder auf-
richtet, ebenso wie er »Jerusalem wieder aufbaut.« Er zeigt
sich als der Herr in der Natur und in der Geschichte.

Wenn wir in unserem alltag und in unserem Umfeld genau
hinschauen, dann werden wir bestätigen: Gott kann auch
heute Menschen wieder aufrichten und aufbauen, wenn
andere sie längst aufgegeben haben. Er bedient sich dabei
wie ein erfahrener Chirurg verschiedener Instrumente, die
GLAUBE heißen oder LIEBE oder HOFFNUNG. Manchmal
braucht er auch Assistenten dafür, die ihm zur Seite stehen –
und manchmal gelingt eine solche Operation auch nicht. Doch
Gott möchte wie ein guter Arzt, dass die Operation gelingt. Er
setzt sich dafür ein. »Die Wunden zu verbinden«, da sind dann
andere gefragt, die Krankenschwestern und Krankenpfleger,
denn das kann ein langwieriger Prozess sein.

Hier sind auch wir gefragt. Im Herbst gibt es immer einen
Krabbelgottesdienst in Paul Gerhardt unter dem Thema
»Hilfe, ich bin krank«. Es wird eine Geschichte erzählt oder
gespielt, in dem Jesus Kranke heilt. Danach verbinden die
Kinder »mit Begeisterung« ihre mitgebrachten Puppen, Ted-
dys und Plüschtiere. Ich wünsche uns allen ein wenig von
dieser Begeisterung, wenn wir die »Wunden« von Menschen
verbinden, die uns nahe stehen oder für die wir uns verant-
wortlich fühlen.
Vielleicht können wir dann auch einstimmen in die 8. und 11.
Strophe des Liedes von Paul Gerhardt, wo »das Herz« noch
einmal zu Wort kommt:
»Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes
großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn
alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem
Herzen rinnen.
Doch gleichwohl will ich, weil ich noch hier trage dieses
Leibes Joch, auch nicht gar stille schweigen; mein Herze soll
sich fort und fort an diesem und an allem Ort zu deinem Lobe
neigen.«
In diesem Sinne Wünsche ich allen nach einem hoffentlich
erholsamen Sommer viel Kraft und Fantasie, die Herzen zum
Klingen zu bringen in den vielfältigsten Angeboten unserer
Gemeinde. Und ich wünsche allen viel Kraft, Menschen zur
Seite zu stehen, deren »Herzen zerbrochen« sind und »die
Wunden zu verbinden«. Gott steht dabei an unserer Seite,
wie ein guter Arzt, darauf vertrauen wir.

Ihre Pfarrerin Uta Fey

 

Gedanken über "Gottes Maßstäbe in unserer Welt" - von Pfarrer Christian Zeiske

Juni: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. (1.Kor 15,10)
Juli: Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen. (Mk 4,24)

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Verfassenden des »geistlichen Wortes« in Gemeindebriefen halten sich gewöhnlich an die »Monatssprüche«. Nun erscheint unser Gemeindebrief alle zwei Monate, so dass wir vier Pfarrer, die wir abwechselnd das »geistliche Wort« schreiben, die Wahl haben zwischen dem Spruch des einen Monats oder dem des anderen. Bitte machen Sie sich doch einmal das Vergnügen und lesen jetzt nicht weiter, sondern sehen sich beide Sprüche oben einmal an und entscheiden Sie sich ganz kurz: welchen der beiden Sprüche würden Sie nehmen, wenn Sie diesen Artikel verfassen wollten – zu welchem von beiden würde Ihnen etwas einfallen?
...

Vielen Dank! Schade nur für mich, dass ich Ihre Gedanken jetzt nicht mitbekomme. Ich glaube, dass diese Frage »für welchen der beiden würden Sie sich entscheiden?« eine wunderbare Eröffnungsfrage wäre für eine Diskussionsrunde. So bleibt mir nur, Ihnen zu schreiben, wie ich mich entscheide – sonst wäre ja dieser Artikel jetzt bereits zu Ende.

Ich will gewissermaßen einen Kompromiss schließen und beide nehmen. Sie passen wunderbar zusammen, weil sie etwas so völlig Unterschiedliches sagen und doch von dem Selben sprechen. Zunächst hatte ich mich gegen das Markus-Wort entschieden: »Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen«. Kann man das überhaupt, einen anderen mit seinem Maß messen, ohne »vermessen« zu sein? Dem Maßstab, den wir an uns legen, dem werden wir gemeinhin nicht gerecht. Und wenn wir an jemanden anderen den Maßstab anlegen und ihm das auch sagen, dann ist das eine ziemlich erfolgreiche Methode, Streit vom Zaun zu brechen.

Umgekehrt: jemandem vorzuwerfen, er würde ungerechtfertigt Maßstäbe an uns legen, führt auch nicht gerade zum Frieden. Mit Maß-»Stäben« kann man sich gegenseitig hervorragend prügeln. Unser Spruch mahnt uns, mit unseren Maßstäben bei uns zu bleiben, uns welche zu setzen – und zwar so, dass andere uns daran messen können.

Das wäre so eine Art fortwährender Selbstkontrolle, ob unser Handeln und unser Reden auch wirklich mit unserem Maßstab übereinstimmen. Und es wäre so eine Art Lebensregel, die nicht unbedingt in der Bibel stehen müsste – es würde völlig reichen, sie stünde in irgendeinem »Benimm-Buch«, etwa in der Formulierung: »beurteile andere so, wie du selbst beurteilt werden möchtest«.

Nun sind wir aber Christen. Gott beurteilt uns so völlig anders, als wir andere zu beurteilen versucht sind. Er hält viel von uns und er hält uns nichts vor. Er setzt nicht die Bedingung: verhalte dich so und so, dann werde ich dich gut beurteilen. Umgekehrt: du bist der Beste, meine Beurteilung über dich ist hervorragend – aber nun geh hin, und benimm dich auch so.

Und damit sind wir auch schon bei dem anderen Spruch: »durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin«. Er hat uns so geschaffen wie wir sind, mit allen guten Eigenschaften und mit allen Fehlern. Das ist gut so vor seinen Augen und damit basta. Nun aber können wir fröhlich mit der guten Beurteilung Gottes hingehen und unsere guten Eigenschaften einsetzen zu seiner Ehre und an unseren Fehlern arbeiten.

Unsere Fehler können wir etwa anderen vorhalten – allerdings einzig zu dem Zweck, damit die anderen diese Fehler nicht machen.

Uns, auf dem Prenzlauer Berg wird mehr und mehr unterstellt, wir seien eine »Macchiato-Gesellschaft«, und wir Christen würden hier eine »Macchiato Gemeinde« bilden. Jawohl, sind wir! Wir genießen das sogar. Aber wir gehen dann frisch gestärkt mit viel Phantasie und gestärkten Herzen daran, Gottes Maßstäbe zu erfüllen. Welche das sind: Gottes Maßstäbe? Sie lassen sich ganz einfach auf eine geradezu genial formulierte Formel bringen: »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« Beides gehört zusammen: Gottes gute Beurteilung über uns, sein Geschenk des Lebens – und auf der anderen Seite unser Tun, mit seinem Geschenk und seinem guten Urteil im Rücken. In den Augen Gottes sind wir gut, so wie wir sind. Und wir sind gut genug, seinen Willen in unserer Welt zu erfüllen, seinen Maßstäben gerecht zu werden.

Ich wünsche uns allen einen herrlichen Sommer, begleitet von Gottes unendlichem Wohlwollen uns gegenüber und unserem Wollen, Gottes Maßstäbe in unsere Welt zu setzen und sie auch zu erfüllen.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Pf. Christian Zeiske

 

Gedanken zum Osterfest

Jesus Christus spricht: Geht hinaus in die ganze Welt
und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!
Markus 16,15

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn der neue Gemeindebrief herauskommt, dann befinden wir uns gerade in der Karwoche. Eine Zeit, in der wir uns auch gedanklich konzentrieren auf das Geschehen der Passion Jesu. Mit vielfältigen Veranstaltungen werden wir diesen inhaltlichen Bogen vom Karfreitag zum Ostermorgen auszuspannen suchen, mit musikalischen Veranstaltungen, Gottesdiensten, Kreuzwegen, Osternacht und Osterfrühstück.

Wenn ich an das Osterfrühstück im Stadtkloster denke, dann hatte ich oft das Gefühl, dass manche gern noch länger geblieben wären. Das gemeinsame Erleben des Programms der Osternacht in der durch Licht und Dunkelheit so anders wirkenden Segenskirche und dann am Ende, nach der gemeinsamen Abendmahlsfeier, das festliche, gemeinsame Essen – das alles vermittelte auch ein Gefühl der Geborgenheit in dieser durch viele Kerzen warm erleuchteten Kirche.

Wie gesagt – es kostete wohl manchmal auch Überwindung, aus der warmen Kirche in die kalte Nacht hinauszugehen. An dieses Gefühl musste ich denken, als ich über den Monatsspruch für April nachdachte. Denn genau darum geht es ja zu Ostern: die meisten Evangelien schließen mit dieser Aufforderung an die Jünger: Behaltet nicht für Euch, was ihr gesehen und gehört habt, teilt eure Erfahrung im Glauben mit allen Menschen, die euch begegnen. Ja mehr noch: wartet nicht nur auf die, die eben mal vorbeikommen, sondern »geht hinaus in die ganze Welt«. Allen soll die Osterbotschaft gesagt werden, dass unser Leben unter der Zusage Gottes steht, trotz mancher Erfahrungen von Leid, Schuld und Tod.

Viele der Erstbegegnungen und manche der Wiederbegegnungen mit dieser Botschaft finden in der Gemeinde im Zusammenhang mit der Taufe eines Kindes statt. Menschen melden sich im Gemeindebüro oder gleich bei einem der Pfarrer oder der Pfarrerin und möchten die Taufe ihres Kindes und manchmal auch der Geschwisterkinder anmelden. Und oft ist das sich anschließende Taufgespräch wie ein Eintauchen in eine andere Welt.

Jeder Mensch ist ja eine Welt für sich, eine Welt im Kleinen – mit Lebensgeschichten, mit Höhen und Tiefen, mit Brüchen, mit freudigen Erwartungen oder auch tastendem Suchen und Fragen. Und alles wird darauf ankommen, dass ich mich als Pfarrer in dieser Welt so bewege, dass etwas von dieser guten Nachricht, eben dem oben erwähnten »Evangelium« aufleuchtet. Wenn es mir gelingt, behutsam zu sein, respektvoll, aber auch erkennbar als der zu sein, der nicht in eigener Sache kommt, sondern als einer, der eine »Mission« hat. Diese Mission, wie ich sie verstehe, wird an anderer Stelle im Neuen Testament mit dem Auftrag beschrieben, »Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in uns ist«.

Vor kurzem hat mich eine Zahl aufhorchen lassen: Zu den ungefähr 12.000 evangelischen Gemeindegliedern, die unsere Gemeinde zählt, kommen noch einmal zirka 15.000 Menschen! Darunter zählen katholisch Getaufte, aber vermutlich der größte Anteil noch gar nicht getaufter Menschen, Kinder wie Erwachsene, Geschwisterkinder und Ehepartner. Das Jahr 2011 wurde von der EKD ja auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 zum »Jahr der Taufe« ausgerufen.

In unserer Gemeinde gibt es erfreulicherweise viele Taufen. So viele, dass manchmal die Terminfindung für einen bestimmten Gottesdienst Schwierigkeiten macht. Aber die oben genannte Zahl hat mich doch beschäftigt. Wie kommen wir in Kontakt mit diesen Menschen, wie können wir den Dialog mit Ihnen aufnehmen, wo kommen sie in unseren Angeboten vor? Wie können wir das berechtigte Anliegen nach Beheimatung in unserer Gemeinde so leben, dass andere sich nicht ausgeschlossen fühlen? Und nicht zuletzt: Wie können wir das Geschenk der Taufe deutlicher machen auch in unserem Gemeindealltag?

Erste Ansätze zum Beispiel mit Tauferinnerungsfeiern gibt es. Ich wünsche Ihnen, dass die Osterfreude Sie alle erfüllen möchte, auch mit dem Mut, sie weiterzusagen in der je eigenen Welt, in der jeder und jede von uns lebt.

Ihr Pfarerr Gisbert Mangliers

 

Gedanken zur Jahreslosung 2012

Der Herr sprach zu mir: »Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« 2. (Korinther 12, 9)

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Jahreslosung für 2012 aus dem 2. Brief des Apostel Paulus an die Korinther gehört zum Kernbestand oft zitierter christlicher Trostworte. Aber was fangen wir Menschen mit der Schwachheit unseres Lebens an? Hat nicht eher ein unausgesprochenes Einverständnis darüber Gültigkeit unter uns, was das eigentliche Leben ausmacht, nämlich: wenn alles  gut geht und gut wird?

Wenn die Ehe, die Partnerschaft stimmt, wenn wir Arbeit haben, wenn die Kinder heranwachsen, in der Schule gut mitkommen und berufliche Vorstellungen entwickeln. Wenn man die Dinge des Alltags bewältigen kann. Wenn man gesund ist. Wenn man in der sozialen Gemeinschaft, in der man lebt, angenommen ist. Wenn man möglichst wenig Streit und Konflikte hat. So ist das Leben richtig und gut.

Was fangen wir mit der Schwachheit unseres Lebens an? Und diese Schwachheit gibt es! Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft, die weitgehend durch Stärke geprägt ist, in der Schwachheit kein Thema ist. Schon vor 150 Jahren hätte das Pauluswort von den Schwachen den Spott eines Friedrich Nietzsche herausgefordert, der im Christentum ohnehin nur eine »Religion der Schwäche« sah. In unserer profit- und machtorientierten Welt, die die Durchsetzungskraft des Stärkeren fordert und honoriert, muss das Wort von den Schwachen widersinnig erscheinen.

Von einem jungen Mann habe ich kürzlich gehört: »Heutzutage kann man sich, Schwäche zu zeigen, gar nicht mehr leisten. Man muss sehen, wie man zurechtkommt. Jeder, der nicht mitziehen kann, bleibt auf der Strecke. Ich möchte nicht zu denen gehören.« Es ist schon bedenklich aber – so hoffe ich – noch nicht zu spät, wie früh heute konformistische Menschen geprägt werden, die in das gängige System passen.

In seiner sogenannten »Narrenrede« zeigt uns Paulus ein Gegenbild: von der Würde der Schwachheit ist da die Rede. Ich verstehe es so, dass die Kraft Gottes nicht allein in den Glücksmomenten und Höhepunkten des Lebens steckt, nicht nur in der Freude an allem, was man kann und einem gelingt und in dem, was einen trägt und erhebt. Wenn ich dieses Wort von der Schwäche als ein »Lebenswort« (Luther) für mich fruchtbar machen will und wer die Kraft Gottes spüren will, wer nach den Spuren der Nähe Gottes in seinem Leben Ausschau hält, wer mitreden will bei dem, was es in unserer Welt von Gott zu sagen gibt, der darf nicht nur auf seine Stärken, der muss auch auf seine Schwächen sehen. Der darf sich nicht nur seiner Erfolge bewusst sein, sondern muss sich auch seiner Schwachheit, seinen Schwächen, stellen. Der braucht einen offenen und unverstellten Blick auch auf seine Ängste und wunden Punkte. Einen Blick auf Erlebtes, das er nicht noch einmal erleben möchte.

Friedrich Bodelschwingh, Pfarrer und Gründer der diakonischen Einrichtungen in Bethel, hat in einer Predigt über diesen Paulussatz gesagt: »Lass dich durch die Schwachheit in die Tiefe führen.« Und das ist wohl der Nerv unseres christlichen Glaubens: dass Gott uns in der Tiefe begegnet, dass Lebenskrisen, Krankheit und Schwachheit dem Menschen nicht seine von Gott geschenkte Würde nehmen, sondern gerade darin seine Würde gewinnen kann.

Wie gehen wir mit unserer Schwachheit um? Mit dem, was uns bedrückt, mit dem, worauf wir keine Antwort wissen, mit all den ungelösten Fragen unseres Lebens? Mit dem, wo wir eigentlich schon aufgeben wollten? Mit dem, wo wir uns immer wieder einmal fragen: Hat das überhaupt noch einen Sinn? Wie Friedrich Bodelschwingh habe ich Menschen vor Augen, die Strategien entwickelt haben, um ja keine Schwachheit zu erleben, keine Blöße zu zeigen.

Eine davon ist Arbeit, Arbeit, Arbeit, den Tag vollpacken, damit nicht mehr viel von ihm bleibt. »Die Leere der Seele zudecken« oder unbequemen Dingen und Schwierigkeiten einfach aus dem Weg gehen, damit man sie nicht sieht. Wie gehen wir mit der Schwachheit unseres Lebens um? Wer sich an Phasen der Schwachheit in seinem Leben erinnert oder sogar im Moment mitten in einer solchen Phase steckt und Schweres bewältigen muss, der darf der Zusage trauen: Die Kraft Gottes ist in den Schwachen mächtig. Aber die Kraft in der Schwachheit, sie fällt einem nicht einfach zu. Oft ist es ein hartes Ringen mit sich selbst, ein langer mühseliger Lernprozess.

Das ist die Einladung der Jahreslosung 2012 an jeden einzelnen von uns: Lass Dich durch alles im Leben – auch und gerade durch die Schwachheit – in die Tiefe führen. Lass dich in die Tiefe führen durch deine schwachen Punkte und durch Lebenssituationen, in denen du Schwäche zeigen darfst. So wirst Du Dich finden und wiederfinden – und darin Gott als den Grund deines Lebens.

Ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2012 wünscht Ihnen Ihr

Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

 

 

Gedanken zu den "Wohnungen Gottes" - von Pfarrer Christian Zeiske

»Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth« (Psalm 84/2)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Psalmwort hat in unserer Gemeinde im September eine besondere Rolle gespielt, als unter diesem Wort die renovierte Fassade der Segenskirche im Stadtkloster festlich eingeweiht wurde. Wir erlebten ein wunderbares Chorkonzert mit Werken ganz unterschiedlicher bekannter Komponisten, die dieses Psalmwort in die Vokalmusik gesetzt haben.

»Wohnungen Gottes« – in der Bibel ist damit immer der Tempel in Jerusalem angesprochen, im modernen Judentum ebenso, auch wenn dieser Tempel seit 2000 Jahren zerstört ist. In unserer christlichen Tradition hat es sich entwickelt, die Kirchen so zu bauen, wie man sich die Wohnung des lieben Gottes vorstellt. Er soll ja unter uns wohnen, uns ganz nahe sein. Die drei Kirchen unserer Gemeinde sind mit großen Kuppeln überwölbt. Ganz sicher erfüllen sie nicht nur den Zweck, einen großen Raum zu überspannen, sondern die Kuppeln sollen auch an das Himmelsgewölbe erinnern. Gott wohnt im Himmelsgewölbe – und ein Abbild davon haben wir in unseren Kirchen, in denen wir Gottesdienst feiern.

Insofern kann ich manche Bemerkungen nicht verstehen, der Elias- Kuppelsaal sei ja »nur« ein Gemeindesaal. Er ist es nicht nur. Zum Gottesdienst versammeln sich dort sonntäglich Menschen unter einer – auch noch goldgelben – Kuppel. Etwas eigenartige Vorstellungen von Wohnungen haben sich in Lissabon auf einem Friedhof in Stein verfestigt. Man baut Verstorbenen jetzt, wo sie in der Ewigkeit sind, »Wohnungen«. Kleine Häuser säumen die Wege, teils sogar mit Vorgärtchen und Gardinen an den Fenstern. Die Verstorbenen werden nicht begraben, sondern die Särge werden in Regalen in diesen Häuschen aufbewahrt. Manche der  Häuser sind nicht gepflegt, die Fenster zerbrochen, oder gar die Türen verrottet und stehen offen.

Die Gesellschaftsordnung spiegelt sich in diesen Häusern für die Toten wieder. Es gibt vorne breite Boulevards mit architektonisch ausladenden und bildhauerisch reich verzierten Fassaden und Dächern. Die Straßen dahinter sind schon nicht mehr so vornehm, manche erinnern an Reihenhäuser, wieder andere haben »Hammergrundstücke«, auf denen sich hinter einem Häuschen, das an der Straße steht, noch weitere Grablegen befinden. Sogar ein »Plattenbau«  lässt sich finden, ein hohes Betongebäude mit Kammern, in die die Särge geschoben werden. Nach vorne werden sie jeweils durch eine schmucklose Betonplatte verschlossen.

Ein Versuch, sich klarzumachen, dass Verstorbene in einer anderen Welt »wohnen«. Auf einem Bild erkennt man den Teil einer Straße in einem »besseren Vorort«, dahinter allerdings die Wohnungen der Lebenden in etwas heruntergekommenen Hochhäusern.

Bestimmt ist das keine Begräbniskultur, um die wir die Lissabonner beneiden. Wir gehen nun auf den Ewigkeitssonntag und auf das Gedenken aller, die uns vorausgegangen sind, zu. Wir werden erinnert an das Leben – dort, jenseits unserer Zeit, aber auch schon hier in unseren Tagen, das uns Gott geschenkt hat. Unsere Friedhöfe mit ihren z. T. wunderschönen (Paradies-)Gärten sind für mich wesentlich aussagekräftiger, als jede noch so schön gebaute »Stadt«.

Jede Kultur hat eben eigene Vorstellungen, sich klarzumachen, dass es in der Ewigkeit Leben geben wird, das für uns bereits angefangen hat mit unserer Geburt.  »Wie lieblich sind deine Wohnungen« – unsere Welt. Vieles weist uns darauf hin. Mindestens unsere Kirchen und unsere Friedhöfe. So wünsche ich uns einen lebensfrohen, schönen Herbst, in dem die Natur sich langsam zur Ruhe legt. Zuvor entfaltet sich zu unserer Freude  die Farbenpracht der guten Schöpfung Gottes.

 

Pfarrer Christian Zeiske

 

 

 

"Vom Geben und Nehmen" - von Pf. Gisbert Mangliers

Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. (Matthäus 7,7)

Liebe Leserin, lieber Leser,

In der Bergpredigt kommt Jesus zum zweiten Mal auf das Gebet
zurück. Diesmal in einem neuen Zusammenhang. Es geht um
die Auseinandersetzung mit den Menschen. »Richtet nicht!«
über sie. »Werft eure Perlen nicht vor die Säue!« Solche Worte
gehen voran, und dann folgt die goldene Regel: »Alles nun, was
ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!«
Diese Formel enthält nach Jesu Meinung alles, was wichtig
ist, das gesamte Gesetz und die Propheten; so einfach ist es,
Gott zu verstehen. Aber – wie gelangt man zu einer solchen
Menschlichkeit?

Ich merke immer wieder, wie schnell ich an Grenzen komme.
Wenn ich etwa an einem unserer Friedhöfe vorbeifahre und
sehe, wie in steter Regelmäßigkeit Leute heimlich ihren Müll in
Plastiksäcken oder auch einfach ihren Sperrmüll auf der Straße
abladen, kommt bei mir die kalte Wut über so viel Bequemlich-
keit und Gewissenslosigkeit hoch. Jeder könnte die Reihe mit
seinen Beispielen fortsetzen. War Jesus ein Träumer? Das wird
ihm ja oft unterstellt, dass er zu blauäugig von den Menschen
dachte. Wenn wir den Text weiterlesen, werden wir schnell eines
Besseren belehrt:

»Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der
findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan. Wer ist unter euch
Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen
Stein biete? Oder wer, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine
Schlange biete. Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch
euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird eurer
Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten.«

Nein, Jesus war Realist: Ihr, die ihr böse seid! Aber er fordert wie
kein zweiter den Widerspruch zur sogenannten Wirklichkeit
heraus und er formuliert ihn selbst. Allen Einsichten zum Trotz,
das Reich Gottes könne gar nicht kommen, alle Hoffnungen seien
trügerisch bei der Realität des Menschengeschlechts, setzt Jesus
seine Botschaft entgegen: »Das Reich Gottes ist nahe herbeige-
kommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.«

Für Jesus war das Gebet die Quelle der Kraft, durch die er sich
mit seinem Vater verbunden hat. Es war die Kraft, die ihn ganz
Mensch hat sein lassen – und menschlich – in Situationen der
Unmenschlichkeit. Eugen Drewermann schreibt in einer Ausle-
gung zu dieser Stelle, dass Jesus damit eine Grundüberzeugung
gelebt hat: um die Menschen zu verstehen, um nicht an ihnen
irre zu werden, um sie wirklich Menschen sein zu lassen, müsse
man von Gott ausgehen. »Merkwürdig: Um die Menschen zu
finden, darf man nicht bei den Menschen beginnen! Diese
Seltsamkeit muss das ganze Leben Jesu bestimmt haben.« Es
war das ständige »suchende Verlangen nach jenem Gegenüber
für sich selbst und für uns Menschen…, das Gott heißt – ein
ständiges Ausgreifen ins Unbeweisbare, Unsichtbare, Ungegen-
ständliche«. »Und doch: Dieses nie Vorzustellende, dieses nie
zu Fassende soll der Halt und die Festigkeit unseres ganzen
Lebens sein.«

Das Gebet – die Quelle der Kraft, die Verbindung zu Gott. Und
es wird erhört, das ist die Überzeugung Jesu. Ob das Gebet wirkt
und wie es wirkt, kann ich nur erfahren, indem ich es selber mit
dem Gebet versuche. Drewermann findet ein eindrückliches
Bild dafür: Es ist wie bei einem Taucher. Er springt ins Wasser
und fällt und fällt, entsprechend der Schwerkraft, bis zu einem
bestimmten Punkt; von da an gleichen sich die Schwerkraft und
der Auftrieb aus; es tritt ein Stillstand ein, ein reines Schweben.
So ist das Beten. Es gibt auf einmal nichts mehr, was nach unten
zöge, es bildet sich inwendig ein Moment des Getragen Werdens
und der Ruhe. Man hat in solchen Momenten nichts neu bewie-
sen oder dazugelernt; es entsteht einfach das Gefühl, dass alles
so gut ist, wie es ist. Man macht sich innerlich fest, das ist alles.
Und solche Augenblicke, dachte Jesus, brauchen wir Menschen
unbedingt. Es muss in unserem Leben tagtäglich Momente
geben, in denen wir wissen, wofür eigentlich wir all die Dinge
tun, die wir tun. Es muss Momente geben, die uns klarmachen,
wo wir wirklich stehen.

Oder, eine weitere Variation dieses Bildes: Es ist, wie wenn unser
Taucher, bevor er sich auf der Suche nach Perlen auf den Grund
des Meeres ins Wasser begibt, zuvor sehr tief Luft holen muss.
Diese Luft in seinen Lungen ist das Gebet. Nur solange noch Sau-
erstoff in seinem Blut transportiert wird, lebt er, hält er den Man-
gel aus, verträgt er das Wasser. Wenn der Sauerstoff verbraucht
ist, muss er sofort nach oben, um wieder Luft zu holen.

»Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
klopft an, so wird euch aufgetan.« In der Urlaubszeit merken
wir ganz sinnfällig, wie beschenkt unser Leben ist mit neuen
Menschen, Landschaften, Gerüchen und Farben. Wir empfangen
mehr, als wir geben.

Ich wünsche Ihnen erholsame und beschenkte Tage,

Ihr Pfarrer Gisbert Mangliers

 

Gedanken über die Kraft des Geistes - von Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

»Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen
Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth« Sacharja 4, 6

Liebe Leserin, lieber Leser,

Mit diesem Spruch für Pfingsten werden wieder einmal daran
erinnert, aus welcher Kraft wir Menschen wirklich leben
können und in welchem Geist die Dinge unseres persön-
lichen Lebens und die weltumspannenden Dinge geschehen
sollen.
Der, der der Ewige heißt, zeigt seine Kraft in dieser Welt. Eine
Kraft, die ganz anders ansetzt und wirkt, als wir es weithin
gewohnt sind.

Veränderungen sollen bei uns und durch uns eben nicht
durch Gewalt, durch Überlegenheit und Dominanz bewirkt
werden. In der Tiefe des Menschen bewegt sich durch Druck
und Zwang nie wirklich etwas zum Guten.
Wieder einmal wirbt der ewige Gott darum, uns für seine
sanfte Kraft freiwillig zu öffnen.

Was für Gegensätze stehen sich da gegenüber: Menschen-
kraft und Gotteskraft.
Eben nicht durch verheerende Menschengewalt, sondern
durch das geistvolle Wirken Gottes soll geschehen, was unser
Leben auf dieser Erde fördert.
Wir Menschen neigen dazu, uns durchzusetzen. Und manch-
mal, ohne ein Gespür dafür zu haben, in Ausformungen von
Gewalt.

Göttliches Handeln ist durch seinen Geist der Liebe geprägt,
eine Kraft, die Leben und Lebensfülle entstehen läßt. Im
biblischen Sinne ist der Geist der Liebe mehr als ein Gedanke,
eine innere Haltung oder Überzeugung.
Das hebräische Wort, das der deutschen Übersetzung zugrun-
de liegt, ist »ruach« und bedeutet Wind und Atem, stürmische
und schöpferische Kraft, lebenspendende Dynamik.
Wir leben noch immer in einer Welt mit hochgerüsteten
Armeen, voller gewalttätiger Heeresmächte. Angesichts der
waffenstarrenden Mächte werden wir auf die »himmlischen
Heerscharen« aufmerksam gemacht. Wir werden ermutigt
und befähigt, mit dem Geist und der Macht des Glaubens
und der Hoffnung und der Liebe, mit Menschen und der uns
anvertrauten Erde pfleglich umzugehen.

Dieser neue und machtvolle Geist wirbt uns für ein Leben in
Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Frieden. Dieser will nicht
die geballte Faust, sondern die offene Hand. Was für eine
liebende Kraft, die nicht verletzt oder gar zerstört, sondern
die heilt und aufrichtet. So kann und so soll alles geschehen.
Dieser neue kraftvolle Geist, den wir deshalb den heiligen
Geist nennen, erscheint über dem Leben Jesu in der Form
einer Taube, nicht in der Gestalt des Adlers. In der Gestalt
einer friedlichen und sanften Taube offenbart der Ewige
seinen Geist.

Wir Menschen neigen manchmal dazu, erst in Phasen eigener
Schwäche zu entdecken, dass seine sanfte, wohltuende Kraft
gut tut und mehr als die Power verwandelt, mit der wir glau-
ben, uns immer wieder selbst »aufpumpen« zu müssen.
Mit dem Spruch und seiner »Begründung«, den einer der
Konfirmanden für seine Einsegnung gewählt hat, will ich
schließen und Ihnen eine gesegnete Zeit des Sommers wün-
schen.

Ihr Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

Sprüche Salomos 16, 32:
»Besser ein Langmütiger als ein Kriegsheld. Besser, wer sich
selbst beherrscht, als wer Städte erobert.«
Konfirmand: »Dieser Spruch sagt mir, dass man im Leben
nicht reich oder ein Held sein muss, um sich klar zu werden,
wer man ist und was man tut.«

 

Musikalische Gedanken zu Passionszeit und Ostern - von Pfarrer Christian Zeiske

„Ein Jahresthema wäre doch schön!“ So ließ es der neu gebildete Kulturausschuss verlauten, so äußerte sich auch die Runde der Mitarbeitenden unserer Gemeinde. Wir hatten schon in der Vergangenheit gute Anläufe gemacht, leider waren sie nach und nach im Sande verlaufen. Bevor wir aber ein Thema für 2012 finden, können wir dankbar feststellen, dass sich für dieses Jahr ein Jahresthema ergeben hat – ein musikalisches.

 

Ganz von selbst kam es natürlich nicht, Christoph Zschunke plant mit der Gethsemane- Kantorei im September diesen Jahres eine Aufführung des „Messias“ von G.F. Händel. Die Kantorei probt schon kräftig daran. Der Vorteil, so hörten wir von den Kirchemusikern, sei, dass man zu allen kirchenjahreszeitliche Gelegenheiten Teile aus dem „Messias“ nehmen und sie in die entsprechenden Festgottesdienste einbauen könne. Händel hat biblische Abschnitte, von den Propheten angefangen, in deren Worte man Ankündigungen des Messias sieht, bis zu neutestamentlichen Abschnitten, in denen von Jesu Geburt, seinem Leben, seinem Leiden und Sterben und seiner Auferstehung die Rede ist, musikalisch in Szene gesetzt und sein weltbekanntes Oratorium geschaffen.

 

Ein Freund Händels, der die Idee zu dem „Messias“ hatte, wollte Händel dazu bringen, den „Messias“ in der Karwoche aufzuführen. Eine sehr durchdachte Idee, drückt sich doch alles, was wir als Christen haben, in den Osterfeiertagen aus: Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und schließlich Ostern. Ohne Ostern wären wir Christen keine Christen. Christus ist auferstanden, „Christus“, auf deutsch: „der Gesalbte“, – auf Hebräisch: „Maschiach“, oder in der griechischen Aussprache, die sich verbreitet hat: „Messias“.

 

Nun lohnt es sich, ein bisschen in die Geschichte des „Messias“- Oratoriums einzutauchen, gewissermaßen in unser Jahresthema. Händel hat es in rasant kurzer Zeit geschrieben. In nur 24 Tagen des Sommers 1741 war es fertig. Mir ist völlig schleierhaft, wie jemand in dieser Zeit auch nur die reinen Schreibarbeiten der Noten schaffen kann. Händel muss einen Arbeitsstil gehabt haben, der ihn bis zur völligen Erschöpfung hat arbeiten lassen. Natürlich hat er schon Teile, die er früher für andere Werke komponiert hat, mit eingebaut. Das ist und war üblich und natürlich auch erlaubt. (Niemand würde heute einem Politiker einen Vorwurf machen können, wenn er bei seiner Doktorarbeit nur bei sich selber abgeschrieben hätte.)

 

Uraufgeführt wurde es drei Wochen nach Ostern in Dublin. Dort hatte Händel es zu einem Benefizkonzert für Schuldgefangene, ein Kranken- und ein Waisenhaus gemacht. Finanziell war es ein Erfolg. Von Händels Ansehen her eher nicht. Zu groß waren die Vorbehalte, besonders des Adels und der höher gestellten Schichten, vor diesem ‚religiösen Theater’. Seine Opern waren dagegen sehr beliebt, aber dass er sich mit den gleichen musikalischen Mitteln einem religiösen Thema zuwendet, das war doch sehr umstritten.

 

Nun änderte sich in dieser Zeit einiges im gesellschaftlichen Bewusstsein. Absolutistische Regierungsformen wurden mehr und mehr in Frage gestellt, Ideen der sog. „Aufklärung“ kamen auf. Das spiegelte sich gerne in biblischen Themen wieder, in Themen der Befreiung. (Das beste Beispiel dafür dürften wohl die „spirituals“ der amerikanischen Sklaven - gut 100 Jahre später - gewesen sein.) In diese Richtung muss auch Händels Oper „Judas Maccabäus“ gewirkt haben, die Beschreibung des jüdischen Aufstandes gegen die Seleukiden (im 2. Jh. v.C.) Hintergrund waren die „Jakobiten- Aufstände 1745 in England. In den vertonten Worten des „Messias“ müssen sich damals gerade Menschen der „Mittel“-und „Unterschicht“ wiedergefunden haben, obwohl wir da keine Sozialromantik betreiben sollten. Die Eintrittskarten für jenes Benefizkonzert in Dublin waren so teuer, dass sich Arme diese gewiss nicht leisten konnten. Die Hafen- Arbeiter hatten nach einem 16 Stunden Tag bestimmt keine Lust mehr, sich mit biblischen Themen und deren politischen Umsetzung zu beschäftigen, ganz abgesehen davon, dass die ungebildeten Teile der Bevölkerung daran ohnehin kein Interesse gehabt haben dürfte.

 

Dennoch zeigt der „Messias“ in eine deutliche Richtung: der Durchsetzung von mehr Gerechtigkeit und Freiheit aus der Beschäftigung mit unserer Bibel heraus. Es dauerte dann eine ganze Weile, bis dieses Oratorium beliebt wurde und wesentlich dazu beitrug, dass Händel Weltruhm erlangte. Händel hat es im Laufe seines Lebens so oft umgeschrieben, ergänzt und teile gestrichen, dass es nicht möglich ist, von einer „Urfassung“ zu sprechen.

 

Bald feiern wir Ostern, das Fest der Befreiung vom Tod. Für uns Christen hat unser Osterfest immer die ‚Begleitstimme’, dass wir, weil wir vom Tod befreit sind, anderen zur Seite stehen können, die in tödlichen Verstrickungen liegen oder in diktatorischer Gefangenschaft leben. Sie sollen ein Fest der Befreiung erleben, wir können dazu beitragen aus der Osterfreude heraus, dass wir befreit sind. Das ganze Jahr über werden wir mit Teilen aus dem Oratorium „Messias“ daran in festlicher Weise erinnert. Vielleicht sollten wir, angeregt durch Händel, auch immer wieder dieses Thema „Messias“ bearbeiten, drüber nachdenken, ändern, ergänzen, streichen, bei allem aber die festliche Grundstimmung pflegen, die Händel zum Lobe Gottes in Musik gesetzt hat. Wenn das kein schönes Jahresthema für 2011 ist!

 

Pfarrer Christian Zeiske

 

 

"Die Passionszeit neu verstehen" - von Pfarrerin Uta Fey

»Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt.«
(Matthäus 26,41)

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser
Nacht, weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner
Freunde wacht.«
Im Gesangbuchlied Nummer 95 ist die Passion nach Matthäus
in wichtigen Stationen aufgenommen. Doch nicht nur das,
es wird auch im zweiten Teil jeder Strophe ein Bezug zu uns
heute hergestellt:
»Du hast die Angst auf dich genommen, du hast erlebt, wie
schwer das ist. Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei
uns nah, Herr Jesus Christ.«
Im Gegensatz zu anderen Passionsliedern werden wir hier in
einen Dialog einbezogen, der auch im Wechselgesang dieses
Liedes deutlich werden kann.

Passion, die Passion Christi, spielt für viele Menschen heute
keine Rolle mehr, jedenfalls keine Rolle, die uns etwas angeht.
Was in Jerusalem vielleicht noch als touristisches Ereignis ein-
geordnet wird, etwa eine Kreuzesprozession durch die Stadt,
wirkt in Berlin für die meisten eher befremdlich. Passion,
das deutsche Wort Passion, spielt in unserem Alltag keine
Rolle mehr. Dann schon eher das englische Wort, das eben-
so geschrieben wird: Passion – Leidenschaft, Begeisterung!
Bekannt ist auch das umgangssprachliche Wort:
»Das ist seine Passion«, das heißt, seine Bestimmung. Für
seine Bestimmung Leidenschaft zu zeigen, sich leidenschaft-
lich zu engagieren, gilt nun wiederum als erstrebenswert.
Jesus hatte für seine Bestimmung, für seine Passion, zunächst
keine Leidenschaft.
Im Gegenteil, er bittet Gott zweimal, dass dieser Kelch an ihm
vorüber gehe.

Doch letztlich ergibt er sich in Gottes Willen: »Nicht wie ich
will, sondern wie du willst.«
Für seine Jünger allerdings, die es nicht schaffen, mit ihm zu
wachen, hat er kein Verständnis. Leidenschaftlich spricht er
sie an: »Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?« und
»Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhn?«

»Wachet und betet«, dieses Wort ist in vielen Köpfen  besetzt
mit den Ereignissen in und um die Gethsemanekirche im
Herbst 1989. Weil viele nicht ruhten, sondern sich im Wachen
und Beten für Veränderung in der DDR einsetzten, wurde
diese Veränderung wahr.
Die Anfechtungen jener Zeit haben mit den heutigen nur
wenig gemeinsam. Doch das Wort  »Wachet und betet« gilt
heute noch genauso in vielen Situationen unseres Alltags.
Einiges davon wird in diesem Gemeindebrief zu lesen sein.
Vielleicht hilft uns auch der ungewohnte Blick auf das Altar-
bild in der Paul-Gerhardt-Kirche, die Passionszeit neu zu ver-
stehen. Vielleicht treten wir auch in einen Dialog ein, der uns
über uns selbst und unseren Glauben nachdenken lässt. Auch
die Passionsandachten wollen eine Anregung dazu sein.
So wünsche ich Ihnen Zeit zum Nachdenken, um dann von
Herzen in den Osterjubel einstimmen zu können: »Der Herr
ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!«

Feiern Sie doch mit anderen gemeinsam dieses Fest der
Christenheit in unseren Gottesdiensten und vielfältigen Ver-
anstaltungen in der österlichen Freudenzeit!

Ihre Pfarrerin Uta Fey

 

"Die Würde der Armen wahren" - von Pfarrer Christian Zeiske

»Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir
und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder,
der bedrängt und arm ist in deinem Lande« (5. Mose 15/ 11)


Liebe Leserin, lieber Leser,

Mit dem Monatsspruch für den Februar werden wir ganz kon-
kret auf einen Missstand in unserer Gesellschaft gestoßen:
die Armut. Es stimmt uns nicht gerade optimistisch, dass es
genau diesen Missstand in der Antike auch schon gab. Wenn
wir uns den Hunger in zu vielen Ländern vor Augen führen
und dann erfahren, dass in unserem eigenen, reichen Land
die Kinderarmut wächst, dann macht uns das ganz mutlos,
dass wir irgendeine Verbesserung dieses Missstandes jemals
erleben werden. Immer mehr hören wir von zu knappen
Renten. Auch wer 30 Jahre gearbeitet hat, bekommt mitun-
ter einmal eine derartig kleine Rente, dass er auf staatliche
Unterstützung angewiesen sein wird. Wenn wir einer Welle
der Altersarmut entgegensehen, um wie viel schlimmer wird
sich dann die Armut in anderen Ländern, die so dramatisch
ist, entwickeln.

Vielleicht ist es ganz gut, so einen Vers aus der ›Torah‹, dem
jüdischen Gesetz, dem ›Alte Testament‹, zu hören. Da wird
uns nichts vorgemacht, »es werden allezeit Arme sein im
Lande«. Aber wie nun reagieren? Spenden, den Bettlern in
der U- Bahn etwas zustecken, Almosen geben, soviel nur
möglich ist?

Im Alten Israel funktionierte das »Sozialhilfesystem« dadurch,
dass alle Habenden verpflichtet waren, Almosen zu geben.
Die Bauern durften an den Ecken ihrer Felder nicht ernten,
da sollte etwas bleiben für diejenigen, die keine eigenen
Felder hatten und  hungerten. Gerade dieses Beispiel des
»Almosen- Gebens« fasziniert mich sehr. Die Armen müssen
nicht als Bittsteller unterwürfig um irgendetwas bitten, sie
dürfen ernten von den Früchten, die ihnen zustehen. Das
bewahrt ihre Würde. Auch in der jüdischen Wohlfahrtspflege
Anfang der 40er Jahre organisierte man die »Almosen« so.
Da gab es jüdische Läden für Kinderschuhe etwa. Die Kinder
kamen herein, wurden höflich bedient und beraten. Wenn
ein Paar Schuhe passte und den Kindern gefiel, dann wurden
sie ihnen eingepackt – wie in einem Schuhladen eben. Nur
dass die Eltern nichts zu bezahlen brauchten. Die Würde der
Kinder wurde gewahrt.

In unserer Gemeinde versuchen wir bei »Laib und Seele« und
beim »Kiezfrühstück«, genau diese Haltung zu bewahren.
Menschen sollen in Würde kommen, sie werden beraten bei
der Auswahl von Lebensmitteln, die Waren werden einge-
packt, zu zahlen haben sie aber nur ein oder zwei Euro pro
Erwachsenem (für Kinder nichts). Beim Kiezfrühstück ist
ein reich gedecktes Frühstücksbufett in der Mitte, die Tische
rundherum sind feierlich gedeckt mit Servietten und Kerzen.
Jemandem einfach nur Geld zuzustecken, könnte zum Verlust
dieser Würde führen, es gibt einen Bittsteller und einen gnä-
dig Gebenden. Außerdem wird ein Bettler in seiner Haltung
bestätigt, er tut nichts für sich und ändert nichts an seiner
Situation, wenn es doch viel bequemer ist, einfach andere
um Geld anzubetteln. Und der Gebende macht es sich auch
einfach: er gibt etwas – und kommt sich schon als guter
Mensch vor.

Sehr viel schwieriger, aber eben auch wirkungsvoller ist es,
jemandem zu helfen, wenn er in Not ist, ihn an die richtigen
Beratungsstellen zu verweisen, evt. einen Rechtsanwalt zu
vermitteln (rechtliche Beratung gibt es übrigens beim Kiez-
frühstück). Das ist sehr viel zeitaufwendiger – aber eben
auch wirkungsvoller. Vielleicht auch nicht zu warten, bis ein
Hilfesuchender auf einen zukommt, sondern mit ihnen z.B.
beim Kiezfrühstück zusammen zu frühstücken – einfach so,
um zu hören, wie es einem Armen in unserer Stadt geht, wie
er lebt, woran er sich freut.

»Seine Hand auftun«: in der Antike hieß das: von seinem
Überfluss abgeben, in unserem Wirtschaftssystem heißt das:
›seine Hand regen und nicht geballt lassen, vom Überfluss
unserer Zeit und unseres Könnens abgeben, jemanden ermu-
tigen und stärken, wieder selbst auf die Beine zu kommen
und sein Leben zu ordnen‹. Und: Druck ausüben auf unsere
Regierung und auf Einflussreiche, damit unser Staat groß-
zügig Programme in armen Ländern unterstützt, die den
Menschen dort hilft, sich selbst zu helfen.

Eine hohe Forderung an uns. Aber wenn Gott etwas von uns
fordert, dann gibt er uns auch die Kraft und die Phantasie
dazu, seine Forderung zu erfüllen. Und wenn es eine so große
Aufgabe ist, die Würde von Armen unbedingt zu wahren.
Mit herzlichen Grüßen an Sie, die wir gemeinsam eingebun-
den sind in der großen Aufgabe, Gottes Willen zu erfüllen,

Ihr Pf. Christian Zeiske

 

"Das Böse mit dem Guten überwinden" - von Pf. Gisbert Mangliers

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde
das Böse mit Gutem. Römer 12,21 (Jahreslosung für 2011)

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie diesen Gemeindebrief in den Händen halten, hat
das neue Kirchenjahr mit dem 1. Advent schon begonnen
und in wenigen Wochen liegen die ersten 10 Jahre des neuen
Jahrtausends hinter uns.

Als Jahreslosung für das neue Jahr wird uns das Wort aus dem
Römerbrief mitgegeben. Das Böse, das ist eine schmerzhafte
Erfahrung, gehört zur Realität unserer Welt. Auch zur Realität
unseres eigenen Lebens. Und in immer neuen Gesichtern
tritt es auf. Zu allen Zeiten. Kein Wunder, dass auch Paulus
sich im 12. Kapitel des Römerbriefes ausführlich mit der
Frage beschäftigt, wie denn Christen angesichts dieser Tat-
sache glaubwürdig als Christen leben können. Um Ansatz
und Anliegen christlicher Ethik geht es im 12. Kapitel. Die
Messlatte legt er ziemlich hoch, wenn er gleich zu Beginn
unser ganzes Leben als Gottesdienst beschreibt. Und fort-
fährt: »Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern
verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes...« Wir
werden aufgerufen, einen Beitrag zu leisten, den vielleicht
nur wir in der Auseinandersetzung mit dem Bösen leisten
könnten. Und zwar nicht, weil wir besser wären als andere,
sondern weil uns Christen die Botschaft dessen anvertraut ist,
der auf das Böse in einzigartiger Weise reagiert hat: Christus.
Von seiner Geschichte kommen wir her, seine Geburt feiern
wir in wenigen Wochen.

Wie hat Jesus auf das Böse reagiert? In der Bergpredigt sagt
er: »Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge, Zahn
um Zahn. Ich aber sage Euch: Leistet dem, der Böses tut, kei-
nen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe
schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich
einer vor Gericht ziehen will, um dein Gewand zu nehmen,
dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer nötigt,
eine Meile mitzugehen, dann geh mit ihm zwei.«

Auge um Auge, Zahn um Zahn – da geht bei vielen, die das
hören, eine Schublade auf und sie denken: typisch Altes
Testament. Da ist ja sowieso so viel von Rache und Blut und
Krieg die Rede. Oder manche, die sagen: typisch jüdisch und
dann werden Linien ausgezogen bis zur Politik des Staates
Israel. Stichwort: Rache und Vergeltung. Oder manche sehen
ihr Horrorbild vom Gott des Alten Testaments bestätigt: ein
rachsüchtiger Gott. Und sie verstehen nicht, wie so etwas
in der Bibel stehen kann. Wird da nicht zur Rache regelrecht
aufgerufen? Ich denke, wir müssen diesem Verständnis ent-
gegentreten, weil es falsch ist. Die Formel »Auge um Auge,
Zahn um Zahn« stammt aus einer Sammlung von Rechtsvor-
schriften, dem sogenannten Bundesbuch  (2. Mose 21,24). Da
heißt es weiter: »Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um
Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde«. Diese Worte,
und das ist ganz wichtig, werden nicht dem Opfer gesagt
als Aufforderung zur Rache. Sie werden dem Gewalttäter
gesagt. Und ihm soll damit klargemacht werden: Du bist
verantwortlich für den Schaden, den du angerichtet hast.
Du musst Ersatz leisten und wiedergutmachen. Du bist zur
Entschädigung verpflichtet. Also kein Aufruf zur persönlichen
Rache, Willkür oder Selbstjustiz, sondern Ausdruck eines
geordneten Rechts. Und gleichzeitig werden damit  auch die
Ansprüche des Opfers begrenzt.

Ein Missverständnis über die Bergpredigt muss an dieser Stel-
le angesprochen werden. Jesus gibt mit seinen Worten keine
Anweisung zur Schwäche: Da du ohnehin der Schwächere
bist, sei vernünftig und verzichte auf Widerstand. Auch heißt
es nicht: Lass dir alles gefallen. Dann müsste es doch heißen:
wenn dich einer schlägt, dann lass ihn schlagen, lass dir das
Hemd nehmen, lass dich zwingen, werde ein heroischer
Dulder, lass dich ausnehmen. Diese Haltung lässt dem Bösen
freien Lauf und zerstört die Gemeinschaft. Jesus aber wagt
Schritte, die Menschen aufeinander zubringen.

An dem 3. Beispiel aus dem Besatzungsrecht  möchte ich das
verdeutlichen:
Palästina war z. Zt. Jesu römische Kolonie. Damals war jeder
römische Legionär berechtigt, von der Straße weg jeden
beliebigen Passanten  als Gepäckträger für den Weg einer
Meile in Anspruch zu nehmen, also ungefähr anderthalb Kilo-
meter. Jesus sagt: »Wenn dich einer eine Meile mitzugehen
nötigt, dann geh zwei mit ihm.«

Wir müssen uns diese beiden mal vorstellen. Da ist der Soldat.
Er hat die Macht. Und der, den er da gerade vom Straßenrand
heranwinkt, um ihm sein schweres Gepäck aufzuladen, ist für
ihn nur ein Sklave, einer von diesen dahergelaufenen Juden.
Wahrscheinlich würdigt er ihn nicht einmal eines Blickes.
Sie haben sich nichts zu sagen. Auf der anderen Seite ist da
aber auch die Angst. Bei diesen Einheimischen kann man nie
wissen. Es hat schon allerlei Anschläge gegeben von diesen
Zeloten, den Freischärlern, die gegen die römische Besatzungs-
macht kämpften. Ich werde lieber hinter ihm gehen, denkt der
Römer, damit ich ihn im Auge behalten kann.

Und der Israelit? Wütend wird er gewesen sein, vielleicht sogar
voller Hass. Hohe Steuern müssen sie zahlen an Rom, dann
hört man immer wieder von Verhaftungen und Folterungen.
Nein, er war froh, wenn er endlich wieder weg konnte von
diesem Soldaten. Wir merken, auf der ersten Meile passiert
gar nichts. Jeder ist in seiner Rolle festgelegt, wie sollte es auch
anders sein. Auf die zweite Meile kommt es an, auf den ersten
einseitigen Schritt!

Was passiert auf der zweiten Meile? Der Israelit ist wieder ein
freier Mann. Länger kann ihn der Römer nicht zwingen. Und
nun sagt er auf einmal: Ich begleite dich noch ein Stück. Der
Soldat schaut überrascht auf, dem anderen vielleicht sogar
das erstemal ins Gesicht. Was ist denn das für einer? Ist das
eine Falle? Aber der andere schaut ihn freundlich und ernst
an. Und so gehen sie vielleicht beide das erstemal nebenei-
nander. Und der eine erzählt vielleicht vorsichtig, wie schwer
sie es haben unter der Besatzungsmacht. Und der andere sagt
ihm vielleicht, dass er gar nicht freiwillig hier ist und dass
er auch lieber zu Hause wäre, in seinem Land und bei seiner
Familie. Und dann erzählen sie von ihren Familien und im
Nu ist die zweite Meile rum. Nicht, dass sie gleich Freunde
geworden wären, aber sie haben etwas über die Situation und
die Gefühle des anderen erfahren, und »die Römer« und »die
Juden« - diese Schlagworte - haben nun für die beiden ein
Gesicht bekommen.

Auf der zweiten Meile verändert sich Entscheidendes. Auf die 2.
Meile kommt es an. Es geht im Grunde genommen um Fantasie
für den Frieden. Fantasie ist gefragt bei all den Herausforde-
rungen, die auch im neuen Jahr auf uns warten. Dass wir dann
nicht von allen guten Geistern verlassen sind, sondern der Geist
Jesu Christi uns leitet, das wünsche ich uns.

Herzlich, Ihr Pfarrer Gisbert Mangliers

Ein offenes Wort zu "Krieg und Frieden"

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gemeinde,

der Weltfriedenstag, den wir am 1. September begangen
haben, hat mich veranlasst, Ihnen und uns ein offenes Wort
zu Krieg und Frieden zu sagen. Was sind das für offene und
klare Worte, die uns mit der Bibel geschenkt sind, durch die
der ewige Gott zu uns spricht, auch heute noch.
»Predige das Wort, tritt dafür ein.« (2. Timotheus 4, 2)
Christenmenschen wissen, wem alle Gewalt gegeben ist
im Himmel und auf Erden. Der evangelisch-reformierte
Theologe Karl Barth hat in seiner umfangreichen Dogmatik
auch über irdische und göttliche Gewalt und über Krieg und
Frieden geschrieben. Er sagt, dass die christliche Gemeinde
zwischen »echter und lügnerischer Gewalt, zwischen der
von Gott eingesetzten und der von Menschen willkürlich
erfundenen und auf den Thron erhobenen Obrigkeit zu
unterscheiden« weiß. Und darum darf die Christenheit für
alle echte, gerechte und von Gott eingesetzte Gewalt und
Obrigkeit dankbar sein, weil sie aller Unmenschlichkeit eine
Grenze setzt und für Menschlichkeit Raum schafft. Das heißt
für mich, dass die christliche Gemeinde nicht gleichgültig
sein darf in dieser Sache.

Sie hat sich auf diesem Gebiet viel zu oft einschüchtern
lassen und geschwiegen, wo sie hätte laut und offen reden
sollen. Eine christliche Gemeinde kann und muss aber den
Regierenden und den Völkern der Welt klar bezeugen,
dass, so wieder Karl Barth, »Politik Gottesdienst, Recht und
Freiheit Gottesgaben sind.« Wir Christenmenschen können
und müssen in aller Offenheit und Liebe fragen, rufen, bitten
und mahnen, wo ein Staat sich aufzulösen oder zu erstarren
droht, der Unfreiheit statt der Freiheit dienen zu wollen.
Und deshalb glaube ich, dass das Konsequenzen hat, dass
eine christliche Gemeinde verantwortlich ist für das, was im
Staat oder in der Welt geschieht oder nicht geschieht.
Wir Christenmenschen sind der Öffentlichkeit unser offenes
Wort schuldig.

Karl Barth sagt in großer Klarheit: »Lieber soll sie dreimal
zu viel für die Schwachen eintreten als einmal zu wenig,
lieber unangenehm laut ihre Stimme erheben, wo Recht und
Freiheit gefährdet sind;« als etwa immer nur angenehm und
leise. Denn »sie sagen: Friede! Und ist doch nicht Friede.«
(Jeremia 6, 14) Natürlich gehört es zur selbstverständlichen
Aufgabe des Staates gerade   n i c h t ,  Krieg zu führen, son-
dern darin, den Frieden so zu gestalten, dass er dem Leben
dient und den Krieg fernhält. Überall dort auf der Welt, wo
ein Staat dieser normalen Aufgabe nicht recht nachgeht,
wird er sich früher oder später getrieben sehen, sich der
abnormalen Aufgabe des Krieges zu stellen und auch andere
Staaten mit dieser Aufgabe zu belasten. Karl Barth geht in
seiner offenen Schlussfolgerung noch weiter: »Wo nicht der
Mensch, sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand
ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der
politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im
Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötet-
werden auf die Jagd schicken wird.« Wie wahr!

Weder die oft beschworene Friedensliebe der Massen noch
die gutgemeinte idealistische Deklamation der Kriegsgegner
helfen gegen d i e s e Verderbnis des Friedens. Denn von
einem Frieden her, der kein rechter Friede war, kann – wie
so manches Mal in der Weltgeschichte geschehen – Krieg
unvermeidlich werden. Den Krieg prinzipiell zu verdammen,
dazu braucht es wenig Glauben, Verstand und Mut. Aber
den Regierenden und Völkern zuzurufen, dass der Friede der
Ernstfall ist, dazu braucht es christlichen Glauben, Verstand
und Mut. Der Ernstfall nämlich, in dem alles Vermögen, alle
Kraft und alle Zeit einzusetzen sind, dass Menschen recht
leben können. Denn der Friede Gottes ist höher als alle
Vernunft, er bewahre Ihre Herzen und Sinne und die aller
Menschen in Christus Jesus,

Ihr Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur

"Das Wort" im August/September 2010 - von Uta Fey

»Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen,
das ist eine Gabe Gottes.« Prediger Salomo 3,13

Liebe Gemeinde,

das ist doch ein Wort, was so richtig zur Urlaubsstimmung
passt, denke ich, als ich meine Gedanken zum Monatsspruch
für September 2010 notiere. Es hätte auch die Einladung zum
Gemeinde-& Kiezfest im »Göhrener Ei« am 4. Juli sein können.

Viele haben zum Gelingen des Festes beigetragen, und allen
sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt. »Guten Mut
bei allem Mühen«, das brauchen wir immer wieder für alles
Gelungene und auch weniger Gelungene. Sich freuen zu kön-
nen, die Erfolge seines Mühens genießen zu können, das ist
eine Gabe Gottes. Wie schön, denke ich, wo uns Christen doch
oft nachgesagt wird, dass wir zu wenig fröhlich sein können.

Eine gewisse puritanische Vergangenheit haftet uns an. Dabei
finden wir in der Bibel genug Lebensfreude und Lebensbeja-
hung. Im Buch des Predigers wird auf alle Lebenssituationen
eingegangen. Erstaunlich für mich ist, dass Worte aus diesem
Buch in jüngster Zeit bei Taufen von Erwachsenen auch als
Taufspruch ausgewählt werden. Aber es sollte wiederum
nicht erstaunlich sein, denn alle Lebenssituationen gehören
zum Leben.

In diesem Zusammenhang steht der Monatsspruch:
»Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde.«

Dies war auch das Wort, das über der Verabschiedung von
Pfr. Werner Widrat (von 1988 bis 1993 Pfarrer der Gethse-
manegemeinde) in den tätigen Ruhestand am 5. Juli stand.
In seiner letzten Dienstetappe war er Krankenhausseelsorger
im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Uns verbinden fast 28
Jahre im Pfarrdienst. Am 31. Oktober 1982 sind wir und
andere gemeinsam in der St. Marienkirche von Bischof Dr.
Forck ordiniert worden.
Ja, das Wort aus dem Predigerbuch stimmt auch für alles, was
diese fast 28 Jahre für unsere jeweilige Biografie beinhalten.

Pfarrer Werner Widrat machte es anhand seiner Biografie in
der Predigt sehr konkret deutlich. Aber Jede und Jeder von uns
könnte das auch so tun.
Vielleicht nehmen Sie sich in den Sommermonaten einmal
Zeit, über das 3. Kapitel des Predigerbuches nachzudenken
und die Aussagen mit Ihrem Leben zu verbinden. Für uns als
Christen ist es Gott, der unsere Geschichte, auch unsere ganz
persönliche Geschichte, lenkt.

»Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit, Klagen hat
seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit«. Andere nennen es Schick-
sal. Für uns ist es Gott – und der Mensch kann nicht ergründen
das Werk, das Gott tut. Er hat den Menschen die Arbeit gege-
ben, damit wir uns damit plagen, doch er will uns bei allen
Mühen auch Zeiten zum Ausruhen und Auftanken schenken.

Wir müssen dies nur für uns auch annehmen. Pfarrer Widrat
wurde für seinen Ruhestand auch eben dieser Monatsspruch
zugesprochen: »Ein Mensch, der isst und trinkt und hat guten
Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.« Für uns
gilt das Wort für einen erholsamen Sommer. So können wir
die Aussage des Predigers wiederfinden in einem Gebet für
die Ferien, das ich uns allen mit auf den Weg gebe:
»Wir danken dir, du freundlicher Gott, dass wir ausspannen
dürfen und Zeit füreinander haben.

Lass uns Abstand von der Arbeit gewinnen und neue Kraft
schöpfen. Du zeigst uns die Wunder der Natur und die Schön-
heiten der Kunst. Du lässt uns andere Menschen kennenler-
nen und machst unser Leben reicher. Lass uns gestärkt an Leib
und Seele nach Hause zurückkehren.«

Ihre Pfarrerin Uta Fey

"Das Wort" im Juni/Juli 2010 - von Christian Zeiske

Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben.
Amos 5,4

Liebe Leserin, lieber Leser,

Irgendjemand hat einen Luftballon am 1. Mai an einen Finger
der Jesus-Statue vor der Gethsemanekirche gehängt. Nun
trug sie in der einen Hand die Heilige Schrift, in der anderen
jenen grünen Luftballon.

Luftballons schwebten wie eine Wolke über Tausenden von
Menschen, die sich an einigen wichtigen Straßenkreuzungen
zusammengefunden hatten, um den Aufmarsch der Neo-
Nazis zu verhindern. Ein gewaltiger Stein fiel uns allen vom
Herzen, dass der Aufmarsch, schon viel zu spät begonnen,
nach einigen hundert Metern schon wieder zu Ende war. Sie
mussten umkehren und sich auflösen. Nach dem geschei-
terten Versuch in Dresden, so einen Aufmarsch zu inszenieren,
ging es für sie nun auf dem Prenzlauer Berg auch wieder
schief.

Viele aus unserer Gemeinde gingen auf die Straße und rech-
neten damit, vielleicht irgendwann von der Polizei geräumt
zu werden. Menschen aus dem Bezirk Paul-Gerhardt machten
die Kirche auf, kochten Kaffee, ließen die Blockierer die Toi-
letten benutzen und hielten den Zugang über den Hof offen.
Im Falle einer Sperrung der Wisbyer Str. hätten dann noch
Menschen durch die Kirche auf die Wisbyer Str. gelangen
können. Riesige grün-gelbe Banner hingen von der Paul-
Gerhardt-Kirche und dem Gethsemane-Gemeindehaus mit
der Aufschrift »keine Gewalt«. Die Banner‚ hatten wir noch
von der Ausstellung in den Schönhauser-Allee-Arkaden im
Juli des vergangenen Jahres.

Diese Erfahrung hat uns sehr bewegt. Wir taten etwas
gemeinsam, obwohl eigentlich anfangs niemand so recht
wusste, was nun richtig sei, zu tun. Plötzlich merken wir: wir
ziehen an einem Strang beim Versuch, den Aufmarsch der
Neo-Nazis zu verhindern, beim Versuch, eine Stimmung der
Gewalt gar nicht erst hochkommen zu lassen. Schließlich gab
es genug »Autonome« auf der Straße, die ganz offensichtlich
nur darauf warteten, sich mit der Polizei eine Schlacht zu
liefern. Niemand sollte Pflastersteine in die Hand nehmen,
wohl aber grüne Luftballons, als wirksame Waffe.

Fröhlichkeit verbreitete sich innerhalb unserer Gemeinde
schon während der Blockade, als es sich von Mund zu Mund
und von Handy zu Handy herumsprach, wer wo überall
stand und wer was tat. Bewunderung kam auf für ›unsere
Leute‹ in der Paul-Gerhardt-Kirche mit ihren Ideen und ihren
Aktivitäten.

Was das mit dem Monatsspruch zu tun hat? Ich meine,
diese Erfahrung vom 1. Mai ist eine wunderbare Auslegung
dieses Propheten- Wortes. »Suchet...« – Mehrzahl! Nicht
jeder einzelne sucht nach Gott, sondern wir suchen gemein-
sam als Gemeinde. Es ist gar nicht einmal so wichtig, dass wir
eine gemeinsame ausgeklügelte Konzeption haben, wichtig
ist, dass wir bei unserer Suche losgehen, uns einmischen,
Bosheiten blockieren. 1989 sind die Menschen auch einfach
losgegangen und haben gemeinsam gehandelt und gebetet.
 »Suchet mich, so werdet ihr leben«. In den Tagen nach dem
1. Mai haben wir zumindest aufgelebt. Der Aufmarsch wurde
verhindert und es gab keine Gewalt. Ich meine, dass es schon
eine Ermutigung war, sich bewusst gemeinsam als Gemeinde
auf die Suche nach Gott zu machen, uns einander zu fragen,
was Gott von uns will und dann den Weg zum Leben, den
Lebensweg zu gehen.

In der einen Hand hält die Jesus-Figur die heilige Schrift, die
andere scheint auszudrücken: »suchet Gott, so werdet ihr
leben – so steht es hier in der Bibel!«. Und an einem Finger
dieser anderen Hand weht fröhlich ein grüner Luftballon im
Wind.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Pf. Christian Zeiske

Leitartikel Gemeindebrief 55

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt,
zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.
Epheser 1,18


Liebe Leserin, lieber Leser,

ich kann mich noch erinnern, wie es war, als ich – damals
noch ein Kind – das erstemal zusammen mit der Schulklasse
an die Ostsee fahren sollte. Ich konnte mir einfach nicht
vorstellen, wie das sein könnte: ein so großes Wasser, dass
man das andere Ufer nicht mehr sieht. Alles, was ich bis dahin
gesehen hatte, waren die Havel, die Nuthe, und ein paar
Seen, zu denen wir mit dem Fahrrad fahren konnten, wenn
wir baden wollten. Da war das andere Ufer nicht weit. Es galt
als Mutprobe,  hinüberzuschwimmen. Und jetzt ein Meer?
Wasser, so weit das Auge reicht? Die meisten aus meiner
Klasse hatten das schon gesehen, aber ich lief voller Erwar-
tung den Weg durch die Wiesen und Felder, man hörte schon
die See rauschen – und dann lag sie vor mir, die Ostsee, und
die Wellen glitzerten in der Sonne. Dieses Bild, der Geruch,
die Geräusche haben sich mir eingeprägt. Vielleicht fahre ich
deshalb bis heute am liebsten an die See.

Diese Begebenheit fiel mir ein, als ich über Ostern nachdachte.
Sie lehrt mich, dass meine Erfahrung und meine Vorstellungs-
kraft nicht das Maß dafür sind, ob etwas ist oder nicht ist. Auch
das sogenannte wissenschaftliche Denken greift viel zu kurz,
um uns sachgerecht Auskunft zu geben über die Wirklichkeit
unseres Lebens.

Da wird z.B. in der medizinischen Wissenschaft der Mensch
scheibchenweise mit Hilfe modernster Computer untersucht
und analysiert, das Wissen über den Menschen also immer
umfassender, die Lebenserwartung immer größer, und trotz-
dem haben immer mehr Menschen Angst vor dem letzten
Abschnitt ihres Lebens, weil uns dieses Wissen nicht  weiser
gemacht hat für die Frage, was der Mensch ist und was er
braucht.

Gerade unsere Augen verführen uns. Viele sagen das ja so:
»Ich glaube nur, was ich sehen kann !« Aber was sehen sie?
Die Wirklichkeit des Faktischen, die uns kalt gegenüber tritt:
den Kranken, der zum Kostenfaktor wird. Den Alten, dessen
Körper verfällt. Das Kind, das nervt. Die Not, die abstößt.
Sehen wir nur das vordergründige Bild oder sehen wir auch
dahinter?

Erst wenn wir mit dem Herzen sehen, wenn unsere Augen
erleuchtet sind, berührt uns das, was wir sehen, nehmen wir
Beziehung auf, verändert sich etwas in uns und werden wir
bereit, die Wirklichkeit nicht nur zur Kenntnis zu nehmen,
sondern sie auch zu gestalten.

Es geht zu Ostern um diese Hoffnung, die sich nicht abfindet
mit dem Diktat des scheinbar Faktischen, dessen höchster
Kronzeuge der Tod selbst ist. Jesus hat in seinem Leben die
Menschen mit den Augen Gottes angesehen. Und das heißt,
er blieb nicht nur bei dem stehen, was er sah, sondern er sah
auch, was noch ausstand an Leben, was noch nicht erfüllt war.
Dieses Leben, das noch ausstand, sprach er den Menschen im
Namen Gottes zu. Diesem Leben hat er den Weg bereitet, ja
er selbst ist dieses Leben, das aus Gott und von Gott kommt.
Diese Sicht auf den Menschen und auf unser Leben brachte
ihn in Konflikt mit den Mächten des Todes und schließlich
ans Kreuz. Aber Gott hat ihn der Herrschaft des Todes nicht
überlassen. Er hat ihn auferweckt und auch uns in ihm zur
Hoffnung befreit.

Gott gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, damit wir uns
selbst, die Menschen um uns herum und auch unsere Gemein-
de mit den Augen der Hoffnung sehen lernen.

Ihr Pf. Gisbert Mangliers

Leitartikel Gemeindebrief Nr. 54

Jahreslosung 2010:
»Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!«
Johannes 14,1

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Jahreslosung für das gerade begonnene Jahr 2010 läßt sich in der Überschrift zusammenfassen: »Zwischen Erschrecken und Vertrauen.« Und erfahrungsgemäß ist es auch so, dass sich unser Leben in dieser Spannung vollzieht. »Euer Herz erschrecke nicht!« Dieser Satz hat zwar die Struktur einer Aufforderung, ist jedoch als ermutigender Zuspruch gemeint: »Euer Herz muss nicht erschrecken!«

Vor so vielen Dingen im Leben erschrecken wir oder schrecken wir zurück. Wie oft könnten wir jemanden gebrauchen, der uns diese Worte zuspricht: vor Entscheidungen, die schwerwiegende Folgen haben; vor Gefahren, die uns unerwartet umgeben; vor eigenem Versagen, das uns plötzlich bewußt wird; vor der verrinnenden Zeit, die wir gern anhalten würden.

Die Worte der Jahreslosung, die Jesus sagt, sind an Simon Petrus gerichtet, einer, der mindestens zwei Gründe hat, zu erschrecken: vor dem offenbar durch nichts aufzuhaltenden Tod seines Freundes und vor seiner eigenen Schwäche, den Mund zu oft zu weit aufzureißen. Gerade hat er ein etwas vollmundig klingendes und doch wohl ehrlich gemeintes Bekenntnis abgelegt, dass er Jesus überall hin folgen wolle und nicht einmal den Tod fürchte. Und schon konfrontiert ihn Jesus unmittelbar vor den Worten der Jahreslosung: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: der Hahn wird nicht krähen, bis du mich drei Mal verleugnet haben wirst.«

Auf diesen persönlichen Schwachpunkt macht er Petrus aufmerksam. Wie er haben auch wir unsere Schwachpunkte und allen Grund, erschrocken zu sein. Wie oft nehmen wir den Mund voller, als es gut wäre; wie oft glauben wir größer, tapferer und besser von uns selbst, als wir es in Wahrheit sind – oder auch ängstlicher, kleiner und schlechter? Wer kennt sich schon selbst und seine eigene Wahrheit? Hätten wir nicht alle mehr oder weniger Grund zu erschrecken, wenn Jesus uns mit unserer persönlichen Wahrheit konfrontiert?

Dennoch erweist sich Jesus Petrus gegenüber als Seelsorger. Jesus weiß, das er kein Einzelfall ist sondern der Normalfall eines Menschen. Und wechselt deshalb in den Plural: »Euer Herz erschrecke nicht!« Er spricht diese seelsorgerlichen Worte in einer Situation, in der er selbst allen Grund zur Angst hat. Schon hat sich der Verräter Judas auf den Weg gemacht, schon ist die letzte Nacht mit seinen Freunden hereingebrochen, seine Gefangennahme steht unmittelbar bevor. Es bleibt nur noch wenig Zeit, um denen, die zu ihm gehören, zum letzten Mal alles ans Herz zu legen, was ihm selbst wichtig ist und bleiben soll.

So ist es immer, wenn Menschen an einer entscheidenden Schwelle ihres Lebens stehen. So richtet auch er seinen Blick zurück und nach vorn. Was gibt es noch zu sagen? Woran zu erinnern? Was soll von mir in Erinnerung bleiben? Jesus beginnt seine Abschiedsworte mit »Euer Herz erschrecke nicht!« Ich gebe gern zu, dass es mir gut tut, zu wissen, dass ihm das offenbar das Allerwichtigste war: Menschen die Angst zu nehmen und sie aus allen Beklemmungen des Herzens herauszuführen.

Denn Angst macht die Herzen eng. Und vielleicht vergewissert er sich ja auch selbst, dass das, was ihm an Schrecklichem bevorsteht, kein Grund ist, zu erschrecken. Denn sein Trost und seine Ermutigung gehen ja noch weiter mit der Aufforderung: »Glaubt an Gott!« Für das wechselvolle Leben in Freud und Leid braucht das Trostwort »Euer Herz erschrecke nicht!« einen guten Grund, und dieser Grund ist er ewige Gott. Es ist schrecklich, erschreckend, wenn das eigene Leben in einer Sackgasse steckt.

Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn uns der Ewige begegnet als Tür in ein neues Leben. Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!« Es ist schrecklich, erschreckend, wenn alle Zukunft dunkel ist. Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn der Ewige wieder neue Hoffnung in unserem Herzen keimen läßt. Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!« Es ist schrecklich, erschreckend, wenn ich unausweichlich meine Schuld, meine Abgründe, meine Ohnmacht vor Augen habe. Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn der Ewige uns in seine Arme nimmt und uns sagt: »Du bist mein.«

Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!«. Von diesem ewigen Gott, dem Grund aller Hoffnung, der offenen Tür ins Leben und der durch nichts zu erschütternden Treue, wissen wir von diesem Mann aus Nazareth. Deshalb heißt es am Ende: »Und glaubt an mich!« Was nichts anderes bedeutet als: Glaubt an den Ewigen, von dem ich euch erzählt habe. Glaubt an den, der in mir jeden Tag bei euch war und ist und bleiben wird. Glaubt an den, der die heillosen Machenschaften auszutreiben und der zu heilen vermag. Glaubt an den, der euch lebenslänglich sucht und begegnet.

Die Jahreslosung schlägt einen Spannungsbogen und verbindet grundlegende Gefühle unseres Menschseins: Angst und Vertrauen. Aus aller Angst, die dem Erschrecken auf dem Fuße folgt, soll auch im neuen Jahr Vertrauen erwachsen. Das ist nötig, um das Leben anzunehmen und zu bewältigen.Vertrauen gewinnen und behalten heißt immer, einen Weg zu gehen. Auch wenn der Mann aus Nazareth seine Jünger verlässt, bleibt er der Weg und die Wahrheit und das Leben. Es ist der Weg des Lebens, so wie wir ihn kennen – ein Weg   zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Erschrecken und Vertrauen, zwischen Verloren- und Gehaltensein.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und denen, die zu Ihnen gehören, und uns als unterwegs befindliche und bleibende Gemeinde ein gesegnetes Jahr 2010.

Ihr
Pfr. H.-O. Seidenschnur

 

Leitartikel Gemeindebrief Nr. 53


Liebe Leserin, lieber Leser,

Gibt es das,dass Ereignisse sich umkehren,dass der scheinbar
unabänderliche Lauf der Dinge gestoppt wird,dass Men-
schen,ja sogar ein ganzes Volk eine neue Perspektive bekom-
men? Was wie ein Fluch über ihnen lag,wandelt sich in Segen.
Wo nur Trümmer zu sehen waren,geistige und materielle,
beginnen Menschen etwas Neues zu bauen.Wo früher das
Gefühl der Vergeblichkeit und des Stillstands herrschte,wird
ihnen zugerufen:Ihr werdet gebraucht und ihr sollt ein Segen
sein.Unglaublich und doch wahr.
Mich haben die Worte des Propheten Sacharja,der 500 Jahre
vor Christus  aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem
zurückkehrte und den dort Zurückgebliebenen die Verhei-
ßung Gottes zuspricht,sehr bewegt.Sie haben mich erinnert
an das,was wir in dieser Stadt und in unserer Gemeinde im
vergangenen Monat November und in den Wochen davor
gefeiert und bedacht haben:die Befreiung aus einer Situa-
tion,die unabänderlich schien oder anders gesagt:die Gabe
der Freiheit und die Aufgabe,die mit dieser Gabe untrennbar
verbunden ist.
Wenn Gott etwas schenkt und gibt,dann nie nur für unseren
Privatgebrauch.Seine Gaben wollen weiter wirken durch uns
hindurch.Wir sind gewissermaßen Multiplikatoren Gottes,
oder früher sagte man:Werkzeuge in der Hand Gottes.Was ist
das anderes als Jesu Rede vom Licht der Welt und Salz der
Erde.
»Segen« ist jedenfalls das genaue Gegenteil von »Privat«.Mir
scheint,dass die Privatisierung der guten Gaben Gottes eines
der  Hauptübel im Zusammenleben der Menschen ist.Aber die
Gaben Gottes werden uns nur zum Segen,wenn wir bereit
sind,sie zu teilen.Freiheit,Wohlstand,wirtschaftliche Macht,
politischer Einfluss – was hat dieses Land und seine Men-
schen nicht alles erreicht nach dem letzten großen Krieg und
trotz dieser Vergangenheit – aber wie sehr sind wir nach wie
vor nur mit uns selbst beschäftigt.Müssten von unserem
Land,gerade wegen seiner auch dunklen Erfahrungen,nicht
deutlichere Impulse ausgehen,z.B.im Bereich der Entwik-
klungs- und der Rüstungspolitik?
Ich höre diesen Satz aber auch als befreiende Botschaft für
jede und jeden von uns.»Ich will euch erlösen« – darum geht
es doch,wenn wir in wenigen Wochen die Geburt Jesu feiern.
»Ich will euch erlösen,dass ihr ein Segen sein sollt.Fürchtet
euch nicht und stärkt eure Hände!«  In diesem Satz steckt
eigentlich die ganze Botschaft des Neuen Testamentes:
Uns,die wir uns oft ziemlich ohnmächtig,einflusslos,oft
selbst wenig überzeugend finden – uns sagt Gott,er will uns
von all dem,was uns in unseren Augen und vielleicht auch
wirklich hindert,erlösen,damit wir ein Segen werden.Und ein
Segen ist man immer im Verhältnis und im Zusammenspiel
mit und für andere.
Ich – ein  Segen!  Muss uns bei dieser Verheißung nicht unser
Herz aufblühen,dass alle Sorge und Furcht zurücktreten und
wir frei werden,das Leben,das in Christus zur Welt kommt,zu
lieben,zu leben und zu bewahren?
Ich wünsche Ihnen im Zugehen auf die Weihnacht und dann
im neuen Jahr die Erfahrung dieses Segens.


Herzlich Ihr Pf.Gisbert Mangliers

 

Leitartikel Gemeindebrief Nr. 52


Gott spricht: Ich schenke ihnen ein anderes Herz
und schenke ihnen einen neuen Geist.
Ich nehme das Herz aus Stein aus ihrer Brust
und gebe ihnen ein Herz aus Fleisch.

(Ezechiel 11,19)

Liebe Leserin, lieber Leser,

Der Monatsspruch für den Oktober 2009 erinnert mich an das
Märchen »Das kalte Herz«.
Vielleicht liegt es lange zurück,dass Sie selbst Märchen gele-
sen oder erzählt haben.Nehmen Sie doch die Märchen von
Wilhelm Hauff wieder einmal zur Hand oder leihen sich diese
aus.Im Märchen »Das kalte Herz« geht es um Ähnliches wie
beim Propheten Ezechiel.Dadurch,dass die Menschen immer
mehr wollen,bleibt das »Herz aus Fleisch« auf der Strecke.Ein
»Herz aus Stein« ist ein kaltes Herz,das weder Ungerechtig-
keit noch Unrecht empfindet.Für die Situation,die dem Eze-
chiel-Wort voranging,heißt das:Gottes geliebtes Volk lebt so,
als gebe es Gott gar nicht.Zwar halten sie sich an Rituale und
Feiertage,aber alles ist längst hohl.Mit Gottes Erbarmen ist es
diesmal vorbei,die Babylonier schleppen das Volk in die Ver-
bannung – weit weg von der Heimat nach Babylon.
Ezechiel wird im Exil zum Propheten berufen.Die Verbannten
warten auf die schnelle Rückkehr nach Jerusalem und glau-
ben auch an die Unzerstörbarkeit ihrer Heiligen Stadt.Eze-
chiel aber sieht den Untergang Jerusalems voraus.Aber er
erfährt auch,dass Gott sein Volk in der Verbannung nicht im
Stich lässt,denn Gott ist nicht an Jerusalem und den Tempel
gebunden.So sieht er in einer Vision,dass die Erzengel im
Allerheiligsten des Tempels zu einem Wagen geworden sind,
auf dem Gott dahinfährt.So kann er auch bei den Verbannten
in Babylon sein.
Immer,wenn politische Systeme zusammenbrechen,geraten
Menschen in Unsicherheiten und Ängste.Wir gedenken im
Herbst ganz intensiv der Ereignisse vor zwanzig Jahren.Viele
Menschen haben sich damals in unseren Kirchen versammelt,
weil sie in den »heiligen Räumen« Zuspruch und Ermutigung
fanden.Sie hatten sozusagen ein »Herz aus Fleisch«,da sie
Ungerechtigkeit und Unrecht beim Namen nannten.Vieles
aber kam mit der sogenannten Wende anders als erwartet
und erhofft.Auch Ezechiels Visionen erfüllen sich nicht in
Details.
Das,was sich bewahrheitet ist,dass Gott mit seinem Volk mit-
geht.Zuspruch und Trost sind für die Menschen wichtig
geblieben,vor ca.2600 Jahren wie vor 20 Jahren und auch
heute für uns.Vieles war und ist in einer neuen gesellschaft-
lichen Situation zu bedenken.Dass wir ein »Herz aus Fleisch«
haben,bleibt wichtig.Dazu gehört,dass wir uns nicht verfüh-
ren lassen,unsere Grundeinstellung zu verraten oder zu ver-
kaufen,sei es für Geld oder für andere Annehmlichkeiten im
Leben.Unser Einsatz für den Frieden,die Bewahrung der
Schöpfung und für die Würde eines jeden Menschen kann uns
auch heute in unseren Entscheidungen leiten und hat nichts
von seiner Aktualität eingebüßt.Gerechtigkeit ist nach wie
vor ein Ziel,für das es sich zu kämpfen lohnt.Nicht immer wis-
sen wir,wie wir dies konkret umsetzen können.Doch wenn
wir vom richtigen Weg abgekommen sind,gibt es die Mög-
lichkeit eines Neubeginns.
Das Volk Israel hört durch den Propheten Ezechiel,dass Gott
einen Neuanfang ermöglicht und sowohl ein anderes Herz
wie einen anderen Geist schenkt.Das »Herz aus Fleisch«
ermöglicht auch eine Neubesinnung im Geist,wenn die Feh-
ler und Irrtümer der Geschichte  in der Entfremdung von Gott
nun korrigiert werden.
Gott geht mit seinem Volk,mit dem Volk des Alten Bundes wie
mit dem Volk des Neuen Bundes,zu dem wir durch die Taufe
gehören dürfen.Nicht nur das Märchen »Das kalte Herz«,auch
die Geschichte Gottes mit den Menschen nimmt ein gutes
Ende,wenn wir uns darauf einlassen,was uns da zugesagt ist.
So wünsche ich Ihnen bei allem Rückblick in die Geschichte
auch das Vertrauen,dass Gott bei uns ist,heute und hier,an
den Orten,wo wir unseren Platz haben und wo wir unsere Ver-
antwortung wahrnehmen können,mit einem »neuen Geist
und einem Herz aus Fleisch«.

Ihre Pfarrerin Uta Fey

 

Leitartikel Gemeindebrief Nr. 51

"Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen."

Liebe Leserin, lieber Leser,

in einem Interview danach befragt, womit denn die DDR-Führung und die Staatssicherheit im Spätsommer und Frühherbst 1989 gerechnet habe, antwortet einer, der es wissen muss, mit diesen Worten:»Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen.«

Wenn wir uns heute – 20 Jahre danach – auf die Gottesdienste und Veranstaltungen im Herbst dieses Jahres vorbereiten, uns versuchen zu erinnern und zu vergegenwärtigen, fragen wir uns immer wieder, wer oder was dieses Wunder der friedlichen Revolution an und in uns und in unserem Volk bewirkt hat. Der Psychologe Bernhard Breuer hat in einer Betrachtung über »Die Macht der Gewohnheit« begründet, warum es oft einfacher erscheint, über die Dunkelheit zu klagen, statt ein Licht anzuzünden. Nämlich: Alte und bekannte Wege bringen zwar manche Unannehmlichkeit mit sich, auf sie ist aber Verlass, sie sind sicherer und man weiß, wo es lang geht.

Er kommt zu dem mir sehr einleuchtenden Schluss:»Erst wer die Dunkelheit als ein Stück Lebensverlust wahrnimmt, wen sie mehr ängstigt als das Wagnis, Licht zu machen, wird diesen Schritt innerer Befreiung gehen.«

Wir alle kennen beide Verhaltensmuster: das Verkriechen in den sicheren Schutzraum und die Klage über manche Dunkelheit im eigenen Leben und in der Welt u n d das Sich-Trauen, ein Licht anzuzünden und sich eben nicht von den vielen Befürchtungen das Leben nehmen zu lassen: von dem Bedürfnis nach Sicherheit, dem Drang nach Anerkennung, der Angst vor Versagen oder vor Nähe.

»Es ist oft hilfreich, (sagt Bernhard Breuer) sich dazu Unterstützung zu holen, einen Menschen, der einen bei diesem Prozess begleitet. Doch anzünden kann man das Licht nur selbst, denn es ist das innere Licht.«

Der Bergprediger Jesus von Nazareth, der im Johannes-Evangelium sagt: »Ich bin das Licht der Welt« (Johannes 8, 12) macht uns zu gleichberechtigten Partnern, wenn er von unserer Bestimmung spricht: Auch » i h r seid das Licht der Welt« (Matthäus 5,14), ihr seid als Lichtgestalten wie die Stadt auf dem Berg, die weit sichtbar in die Dunkelheit hinein leuchtet.

Sein Licht schenkt Erleuchtung, tief in unserem Innern werden wir von Licht erfüllt.»So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.« (Matthäus 5, 16)

Solchermaßen Erleuchtete stellen sich nicht ins Rampenlicht, lassen keine Scheinwerfer auf sich richten, ziehen keine Schau ab. Sie leuchten von Innen heraus, sind Menschen mit »Ausstrahlung «.Jesus von Nazareth hat mit seinem Licht tiefe Spuren in unser Leben gezogen und lässt selbst unsere Welt mit all den menschengemachten Abgründen und Brüchen in einem besseren Licht erscheinen.

Auch heute leben viele Menschen im Dunkeln. Ihre soziale Lage ist düster, auch ihre seelische. In seinem Selbstwertgefühl verletzt fühlt sich, wer in Armut lebt und seine Kinder nicht mal mehr von seiner Hände Arbeit ernähren kann. Wie viele Menschen sind seelisch krank und fallen in Depressionen. Andere packt die Wut, leisten Widerstand oder werden kriminell, schaden anderen und sich selbst.

Das die Dunkelheiten hellmachende und wärmende Licht lockt Menschen aus sich heraus: Diejenigen, die in ein depressives Loch gefallen sind, finden heraus, dass in ihnen nicht nur Leere und Dunkelheiten hausen. Die Einsamen finden heraus aus ihrer Einsamkeit, wenn sie von liebenden Menschen berührt und begleitet werden. Dieses Licht setzt in uns heilende Kräfte frei und macht das Leben wieder spürbar.

»Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen.« Es sind die Menschen gewesen, die gewusst haben wie das geht und wo die Streichhölzer liegen und dass sie sich die Finger verbrennen können.

Menschen, die diesen Schritt innerer Befreiung gegangen sind; in Ängsten und doch frei. Erleuchtete Menschen, die im Schein der Kerzen die vielen leuchtenden Gesichter gesehen und gespürt haben, wir sind nicht allein.

So weiß der Psalmist uns mitzunehmen in die Erkenntnis der Wahrheit: »Gott, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht« (Psalm 36, 10) – Licht, das wir selbst auch sein sollen und können.

Mit herzlichen Grüßen,  Ihr Pf. Heinz-Otto Seidenschnur