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Neuigkeiten
Ein langer Abend in der Gethsemanekantorei - oder: Wenn das Singen zur musikalischen Achterbahnfahrt wird!
Von Claudia Lehmann und Franziska Rose
Es ist Dienstagabend, 19.45 Uhr und ich sitze etwas unruhig auf einem der
unzähligen rot gepolsterten Stühle im Elias-Kuppelsaal. Ich zähle mindestens 80 Stühle und frage mich, ob die wirklich noch alle besetzt werden? Normalerweise würde ich es mir langsam mit einer Chipstüte vor dem Fernseher gemütlich machen und mich von niveaulosen Soap Operas berieseln lassen.
Doch dann hatte mich ein Bekannter zur Chorprobe in die Gethsemanekantorei eingeladen, wusste er doch genau, dass ich den berühmten Halleluja-Chorus schon immer mal singen wollte! Und da sitze ich nun gewappnet mit einem Satz Händel-Noten vom Messias. Ich blättere die vielen Seiten rasch durch und lese Titel wie »Den Schafen gleich«, »Ihr Schall ging hinaus«, »Würdig ist das Lamm«. Schnell stelle ich fest, dass dieses im Jahre 1741 komponierte Oratorium aus so viel mehr besteht als nur dem berühmten Halleluja. Ich bin ganz gespannt, wie die vielen anderen Stücke wohl klingen.
Ein Mann mit dunkel gelocktem Haar deckt gerade den Flügel ab und stellt ihn sich zurecht. Aha, das wird dann wohl der Chorleiter Christoph Zschunke sein, denke ich mir. Habe schon eine Menge über ihn gehört. Ich bin neugierig, ob er wirklich so ein leidenschaftlicher Vollblutmusiker ist, der seine Sänger/innen mit Witz und einem ausgeprägten Gestaltungswillen bei Laune hält, wie es ihm nachgesagt wird?
Nach und nach füllen sich nun auch die letzten Plätze und da erklingen auch schon die ersten Töne auf dem Flügel. Eine knappe Viertelstunde singen wir uns munter ein: von gymnastischen Verrenkungen über »tsssssssss« und »ja so und so ja« und »ding, deng, dang, dong« ist alles dabei. Ich fühl mich bestens eingesungen. Sofort legen wir mit dem Stück »Kam durch einen der Tod (Chorus Nr. 41)« los.
Wie? Was? Gleich alle zusammen? Die kennen das wohl schon, nehme ich
an. Doch schnell stelle ich fest, dass hier eine ausgeglichene Mischung
aus professionellen Blattsängern und musikinteressierten Laien herrscht.
Christoph bringt uns seine Interpretation einzelner Stellen nahe: »Hier
müsst ihr euch die Schwingung einer Glocke vorstellen. Anders würde es
sonst wie Holzbauklötze klingen, die von meinem kleinen Sohn aneinander
gehauen werden.« Die Sänger/-innen übernehmen den Tipp und lassen den Abschnitt ganz anders auf sich wirken.
Ich bin überwältigt vom Klang und der Genauigkeit dieser musikalischen
Arbeit. Erst nach Ankündigung der Pause merke ich, wie ich mich körper-
lich angestrengt habe. Also ersetzt der Chor auch das Fitnessstudio, wie schön!
In der Pause treffe ich zufällig auf die beiden Chorältesten Marion und Herbert Gohl. Seit zirka 15 Jahren existiert der Chor unter dem Namen Gethsemanekantorei. Franziska Stähle ist seit sieben Jahren in der Kantorei und erzählt mir, dass sie damals dem Chor beigetreten ist, um erste Kontakte im neu bezogenen Viertel zu knüpfen. Sie schätzt es sehr, auch im Alltag auf bekannte Gesichter aus dem Chor zu treffen.
Inzwischen ist es 21.15 Uhr und wir gehen in die zweite Runde. Christoph
überzeugt noch immer mit 100 prozentig ambitionierter und inspirierender
Stimmung. Ich freue mich auf ein neues Stück aus Händels Meisterwerk.
Eigentlich wild entschlossen, nach diesen zwei aufregenden Stunden
nach Hause zu gehen, werde ich noch herzlich auf einen Absacker in die nahe gelegene Kneipe eingeladen. Da kann ich natürlich nicht nein sagen. Ein paar Minuten später sitzen wir in einer gemütlichen Bierrunde beisammen und ich komme mit Christian Enzmann ins Gespräch.
Der passionierte Hobbymusiker erzählt mir, dass er in sehr jungen Jahren ein ehrgeiziger Cellospieler war, dann 20 Jahre nicht gesungen hat und die Leidenschaft fürs Singen erst 2006 mit dem Eintritt in die Kantorei neu entfacht wurde. »Ein wichtiger Ast in meinem Leben drohte zu verkümmern«, so Christian. Und so ist er froh, dass der Holzkasten im Keller und er in der Kantorei gelandet sind, denn das Singen hat als Zielpunkt in seinem Leben etwas ganz Befreiendes für ihn.
Ganz besonders schätzt er die kontinuierliche Arbeit und gelebte Gemeinschaft an seinem Chor. Viele sympathische Gesprächspartner und gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise die bevorstehende Chorfahrt im Sommer tragen dazu bei, dass er immer wieder gern in die Kantorei kommt. Im Chorbeirat mitwirkend, kann er nun mittlerweile auch die Hälfte der Chormitglieder namentlich benennen, denn es gibt einen recht beständigen Kern.
Ich möchte von Christian wissen, was den Messias und seinen Komponisten so besonders machen. Er hält kurz inne und berichtet mir wohl überlegt, dass die Musik Georg Friedrich Händels eine Vielstimmigkeit, eine gewisse Leichtigkeit und Lebensfreude miteinander vereint, die ihm kein anderer der Barock-Epoche nachmacht. Bei ihm fühlt sich der Händelfan angekommen. Ein klangliches Fest mit gelungenem Spannungsbogen, wirkungsvoll und für jedes Ohr zugänglich - so beschreibt er den Messias von Händel.
Er freut sich schon sehr auf das bevorstehende Konzert mit Orchesterbegleitung am 24. September 2011 um 19.00 Uhr in der Gethsemanekirche. Bis dahin muss aber noch einiges geprobt werden,
um die meist schwindelerregende musikalische Achterbahnfahrt (er spielt
auf die vielen Koloraturen im Messias an) gut zu meistern! Er hofft an jenem Konzertabend auf viele Zuhörer, die genauso viel Freude am Hören des Messias haben wie wir Sänger am Vortragen.
Eine Stunde und zwei Bier später stelle ich fest, dass es schon nach Mitternacht ist und ich langsam den Heimweg antreten sollte. Wie die Zeit vergangen ist! Wir bezahlen die Rechnung und »wir gingen jeder seinen eigenen Weg« … bis zum nächsten Dienstagabend oder vielleicht trifft man sich ja auch mal irgendwo im Prenzlauer Berg – das wäre doch »wahrlich wunderbar«.
Zur Seite der Gethsemane-Kantorei
Mehr Infos zum "Messias" am 24.9.2011
22.08.2011,