Aktuell
"Das Wort" im August/September 2010 - von Uta Fey
»Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen,
das ist eine Gabe Gottes.« Prediger Salomo 3,13
Liebe Gemeinde,
das ist doch ein Wort, was so richtig zur Urlaubsstimmung
passt, denke ich, als ich meine Gedanken zum Monatsspruch
für September 2010 notiere. Es hätte auch die Einladung zum
Gemeinde-& Kiezfest im »Göhrener Ei« am 4. Juli sein können.
Viele haben zum Gelingen des Festes beigetragen, und allen
sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt. »Guten Mut
bei allem Mühen«, das brauchen wir immer wieder für alles
Gelungene und auch weniger Gelungene. Sich freuen zu kön-
nen, die Erfolge seines Mühens genießen zu können, das ist
eine Gabe Gottes. Wie schön, denke ich, wo uns Christen doch
oft nachgesagt wird, dass wir zu wenig fröhlich sein können.
Eine gewisse puritanische Vergangenheit haftet uns an. Dabei
finden wir in der Bibel genug Lebensfreude und Lebensbeja-
hung. Im Buch des Predigers wird auf alle Lebenssituationen
eingegangen. Erstaunlich für mich ist, dass Worte aus diesem
Buch in jüngster Zeit bei Taufen von Erwachsenen auch als
Taufspruch ausgewählt werden. Aber es sollte wiederum
nicht erstaunlich sein, denn alle Lebenssituationen gehören
zum Leben.
In diesem Zusammenhang steht der Monatsspruch:
»Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde.«
Dies war auch das Wort, das über der Verabschiedung von
Pfr. Werner Widrat (von 1988 bis 1993 Pfarrer der Gethse-
manegemeinde) in den tätigen Ruhestand am 5. Juli stand.
In seiner letzten Dienstetappe war er Krankenhausseelsorger
im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Uns verbinden fast 28
Jahre im Pfarrdienst. Am 31. Oktober 1982 sind wir und
andere gemeinsam in der St. Marienkirche von Bischof Dr.
Forck ordiniert worden.
Ja, das Wort aus dem Predigerbuch stimmt auch für alles, was
diese fast 28 Jahre für unsere jeweilige Biografie beinhalten.
Pfarrer Werner Widrat machte es anhand seiner Biografie in
der Predigt sehr konkret deutlich. Aber Jede und Jeder von uns
könnte das auch so tun.
Vielleicht nehmen Sie sich in den Sommermonaten einmal
Zeit, über das 3. Kapitel des Predigerbuches nachzudenken
und die Aussagen mit Ihrem Leben zu verbinden. Für uns als
Christen ist es Gott, der unsere Geschichte, auch unsere ganz
persönliche Geschichte, lenkt.
»Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit, Klagen hat
seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit«. Andere nennen es Schick-
sal. Für uns ist es Gott – und der Mensch kann nicht ergründen
das Werk, das Gott tut. Er hat den Menschen die Arbeit gege-
ben, damit wir uns damit plagen, doch er will uns bei allen
Mühen auch Zeiten zum Ausruhen und Auftanken schenken.
Wir müssen dies nur für uns auch annehmen. Pfarrer Widrat
wurde für seinen Ruhestand auch eben dieser Monatsspruch
zugesprochen: »Ein Mensch, der isst und trinkt und hat guten
Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.« Für uns
gilt das Wort für einen erholsamen Sommer. So können wir
die Aussage des Predigers wiederfinden in einem Gebet für
die Ferien, das ich uns allen mit auf den Weg gebe:
»Wir danken dir, du freundlicher Gott, dass wir ausspannen
dürfen und Zeit füreinander haben.
Lass uns Abstand von der Arbeit gewinnen und neue Kraft
schöpfen. Du zeigst uns die Wunder der Natur und die Schön-
heiten der Kunst. Du lässt uns andere Menschen kennenler-
nen und machst unser Leben reicher. Lass uns gestärkt an Leib
und Seele nach Hause zurückkehren.«
Ihre Pfarrerin Uta Fey
"Das Wort" im Juni/Juli 2010 - von Christian Zeiske
Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben.
Amos 5,4
Liebe Leserin, lieber Leser,
Irgendjemand hat einen Luftballon am 1. Mai an einen Finger
der Jesus-Statue vor der Gethsemanekirche gehängt. Nun
trug sie in der einen Hand die Heilige Schrift, in der anderen
jenen grünen Luftballon.
Luftballons schwebten wie eine Wolke über Tausenden von
Menschen, die sich an einigen wichtigen Straßenkreuzungen
zusammengefunden hatten, um den Aufmarsch der Neo-
Nazis zu verhindern. Ein gewaltiger Stein fiel uns allen vom
Herzen, dass der Aufmarsch, schon viel zu spät begonnen,
nach einigen hundert Metern schon wieder zu Ende war. Sie
mussten umkehren und sich auflösen. Nach dem geschei-
terten Versuch in Dresden, so einen Aufmarsch zu inszenieren,
ging es für sie nun auf dem Prenzlauer Berg auch wieder
schief.
Viele aus unserer Gemeinde gingen auf die Straße und rech-
neten damit, vielleicht irgendwann von der Polizei geräumt
zu werden. Menschen aus dem Bezirk Paul-Gerhardt machten
die Kirche auf, kochten Kaffee, ließen die Blockierer die Toi-
letten benutzen und hielten den Zugang über den Hof offen.
Im Falle einer Sperrung der Wisbyer Str. hätten dann noch
Menschen durch die Kirche auf die Wisbyer Str. gelangen
können. Riesige grün-gelbe Banner hingen von der Paul-
Gerhardt-Kirche und dem Gethsemane-Gemeindehaus mit
der Aufschrift »keine Gewalt«. Die Banner‚ hatten wir noch
von der Ausstellung in den Schönhauser-Allee-Arkaden im
Juli des vergangenen Jahres.
Diese Erfahrung hat uns sehr bewegt. Wir taten etwas
gemeinsam, obwohl eigentlich anfangs niemand so recht
wusste, was nun richtig sei, zu tun. Plötzlich merken wir: wir
ziehen an einem Strang beim Versuch, den Aufmarsch der
Neo-Nazis zu verhindern, beim Versuch, eine Stimmung der
Gewalt gar nicht erst hochkommen zu lassen. Schließlich gab
es genug »Autonome« auf der Straße, die ganz offensichtlich
nur darauf warteten, sich mit der Polizei eine Schlacht zu
liefern. Niemand sollte Pflastersteine in die Hand nehmen,
wohl aber grüne Luftballons, als wirksame Waffe.
Fröhlichkeit verbreitete sich innerhalb unserer Gemeinde
schon während der Blockade, als es sich von Mund zu Mund
und von Handy zu Handy herumsprach, wer wo überall
stand und wer was tat. Bewunderung kam auf für ›unsere
Leute‹ in der Paul-Gerhardt-Kirche mit ihren Ideen und ihren
Aktivitäten.
Was das mit dem Monatsspruch zu tun hat? Ich meine,
diese Erfahrung vom 1. Mai ist eine wunderbare Auslegung
dieses Propheten- Wortes. »Suchet...« – Mehrzahl! Nicht
jeder einzelne sucht nach Gott, sondern wir suchen gemein-
sam als Gemeinde. Es ist gar nicht einmal so wichtig, dass wir
eine gemeinsame ausgeklügelte Konzeption haben, wichtig
ist, dass wir bei unserer Suche losgehen, uns einmischen,
Bosheiten blockieren. 1989 sind die Menschen auch einfach
losgegangen und haben gemeinsam gehandelt und gebetet.
»Suchet mich, so werdet ihr leben«. In den Tagen nach dem
1. Mai haben wir zumindest aufgelebt. Der Aufmarsch wurde
verhindert und es gab keine Gewalt. Ich meine, dass es schon
eine Ermutigung war, sich bewusst gemeinsam als Gemeinde
auf die Suche nach Gott zu machen, uns einander zu fragen,
was Gott von uns will und dann den Weg zum Leben, den
Lebensweg zu gehen.
In der einen Hand hält die Jesus-Figur die heilige Schrift, die
andere scheint auszudrücken: »suchet Gott, so werdet ihr
leben – so steht es hier in der Bibel!«. Und an einem Finger
dieser anderen Hand weht fröhlich ein grüner Luftballon im
Wind.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Pf. Christian Zeiske
Leitartikel Gemeindebrief 55
Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt,
zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Epheser 1,18
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich kann mich noch erinnern, wie es war, als ich – damals
noch ein Kind – das erstemal zusammen mit der Schulklasse
an die Ostsee fahren sollte. Ich konnte mir einfach nicht
vorstellen, wie das sein könnte: ein so großes Wasser, dass
man das andere Ufer nicht mehr sieht. Alles, was ich bis dahin
gesehen hatte, waren die Havel, die Nuthe, und ein paar
Seen, zu denen wir mit dem Fahrrad fahren konnten, wenn
wir baden wollten. Da war das andere Ufer nicht weit. Es galt
als Mutprobe, hinüberzuschwimmen. Und jetzt ein Meer?
Wasser, so weit das Auge reicht? Die meisten aus meiner
Klasse hatten das schon gesehen, aber ich lief voller Erwar-
tung den Weg durch die Wiesen und Felder, man hörte schon
die See rauschen – und dann lag sie vor mir, die Ostsee, und
die Wellen glitzerten in der Sonne. Dieses Bild, der Geruch,
die Geräusche haben sich mir eingeprägt. Vielleicht fahre ich
deshalb bis heute am liebsten an die See.
Diese Begebenheit fiel mir ein, als ich über Ostern nachdachte.
Sie lehrt mich, dass meine Erfahrung und meine Vorstellungs-
kraft nicht das Maß dafür sind, ob etwas ist oder nicht ist. Auch
das sogenannte wissenschaftliche Denken greift viel zu kurz,
um uns sachgerecht Auskunft zu geben über die Wirklichkeit
unseres Lebens.
Da wird z.B. in der medizinischen Wissenschaft der Mensch
scheibchenweise mit Hilfe modernster Computer untersucht
und analysiert, das Wissen über den Menschen also immer
umfassender, die Lebenserwartung immer größer, und trotz-
dem haben immer mehr Menschen Angst vor dem letzten
Abschnitt ihres Lebens, weil uns dieses Wissen nicht weiser
gemacht hat für die Frage, was der Mensch ist und was er
braucht.
Gerade unsere Augen verführen uns. Viele sagen das ja so:
»Ich glaube nur, was ich sehen kann !« Aber was sehen sie?
Die Wirklichkeit des Faktischen, die uns kalt gegenüber tritt:
den Kranken, der zum Kostenfaktor wird. Den Alten, dessen
Körper verfällt. Das Kind, das nervt. Die Not, die abstößt.
Sehen wir nur das vordergründige Bild oder sehen wir auch
dahinter?
Erst wenn wir mit dem Herzen sehen, wenn unsere Augen
erleuchtet sind, berührt uns das, was wir sehen, nehmen wir
Beziehung auf, verändert sich etwas in uns und werden wir
bereit, die Wirklichkeit nicht nur zur Kenntnis zu nehmen,
sondern sie auch zu gestalten.
Es geht zu Ostern um diese Hoffnung, die sich nicht abfindet
mit dem Diktat des scheinbar Faktischen, dessen höchster
Kronzeuge der Tod selbst ist. Jesus hat in seinem Leben die
Menschen mit den Augen Gottes angesehen. Und das heißt,
er blieb nicht nur bei dem stehen, was er sah, sondern er sah
auch, was noch ausstand an Leben, was noch nicht erfüllt war.
Dieses Leben, das noch ausstand, sprach er den Menschen im
Namen Gottes zu. Diesem Leben hat er den Weg bereitet, ja
er selbst ist dieses Leben, das aus Gott und von Gott kommt.
Diese Sicht auf den Menschen und auf unser Leben brachte
ihn in Konflikt mit den Mächten des Todes und schließlich
ans Kreuz. Aber Gott hat ihn der Herrschaft des Todes nicht
überlassen. Er hat ihn auferweckt und auch uns in ihm zur
Hoffnung befreit.
Gott gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, damit wir uns
selbst, die Menschen um uns herum und auch unsere Gemein-
de mit den Augen der Hoffnung sehen lernen.
Ihr Pf. Gisbert Mangliers
Leitartikel Gemeindebrief Nr. 54
Jahreslosung 2010:
»Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!«
Johannes 14,1
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Jahreslosung für das gerade begonnene Jahr 2010 läßt sich in der Überschrift zusammenfassen: »Zwischen Erschrecken und Vertrauen.« Und erfahrungsgemäß ist es auch so, dass sich unser Leben in dieser Spannung vollzieht. »Euer Herz erschrecke nicht!« Dieser Satz hat zwar die Struktur einer Aufforderung, ist jedoch als ermutigender Zuspruch gemeint: »Euer Herz muss nicht erschrecken!«
Vor so vielen Dingen im Leben erschrecken wir oder schrecken wir zurück. Wie oft könnten wir jemanden gebrauchen, der uns diese Worte zuspricht: vor Entscheidungen, die schwerwiegende Folgen haben; vor Gefahren, die uns unerwartet umgeben; vor eigenem Versagen, das uns plötzlich bewußt wird; vor der verrinnenden Zeit, die wir gern anhalten würden.
Die Worte der Jahreslosung, die Jesus sagt, sind an Simon Petrus gerichtet, einer, der mindestens zwei Gründe hat, zu erschrecken: vor dem offenbar durch nichts aufzuhaltenden Tod seines Freundes und vor seiner eigenen Schwäche, den Mund zu oft zu weit aufzureißen. Gerade hat er ein etwas vollmundig klingendes und doch wohl ehrlich gemeintes Bekenntnis abgelegt, dass er Jesus überall hin folgen wolle und nicht einmal den Tod fürchte. Und schon konfrontiert ihn Jesus unmittelbar vor den Worten der Jahreslosung: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: der Hahn wird nicht krähen, bis du mich drei Mal verleugnet haben wirst.«
Auf diesen persönlichen Schwachpunkt macht er Petrus aufmerksam. Wie er haben auch wir unsere Schwachpunkte und allen Grund, erschrocken zu sein. Wie oft nehmen wir den Mund voller, als es gut wäre; wie oft glauben wir größer, tapferer und besser von uns selbst, als wir es in Wahrheit sind – oder auch ängstlicher, kleiner und schlechter? Wer kennt sich schon selbst und seine eigene Wahrheit? Hätten wir nicht alle mehr oder weniger Grund zu erschrecken, wenn Jesus uns mit unserer persönlichen Wahrheit konfrontiert?
Dennoch erweist sich Jesus Petrus gegenüber als Seelsorger. Jesus weiß, das er kein Einzelfall ist sondern der Normalfall eines Menschen. Und wechselt deshalb in den Plural: »Euer Herz erschrecke nicht!« Er spricht diese seelsorgerlichen Worte in einer Situation, in der er selbst allen Grund zur Angst hat. Schon hat sich der Verräter Judas auf den Weg gemacht, schon ist die letzte Nacht mit seinen Freunden hereingebrochen, seine Gefangennahme steht unmittelbar bevor. Es bleibt nur noch wenig Zeit, um denen, die zu ihm gehören, zum letzten Mal alles ans Herz zu legen, was ihm selbst wichtig ist und bleiben soll.
So ist es immer, wenn Menschen an einer entscheidenden Schwelle ihres Lebens stehen. So richtet auch er seinen Blick zurück und nach vorn. Was gibt es noch zu sagen? Woran zu erinnern? Was soll von mir in Erinnerung bleiben? Jesus beginnt seine Abschiedsworte mit »Euer Herz erschrecke nicht!« Ich gebe gern zu, dass es mir gut tut, zu wissen, dass ihm das offenbar das Allerwichtigste war: Menschen die Angst zu nehmen und sie aus allen Beklemmungen des Herzens herauszuführen.
Denn Angst macht die Herzen eng. Und vielleicht vergewissert er sich ja auch selbst, dass das, was ihm an Schrecklichem bevorsteht, kein Grund ist, zu erschrecken. Denn sein Trost und seine Ermutigung gehen ja noch weiter mit der Aufforderung: »Glaubt an Gott!« Für das wechselvolle Leben in Freud und Leid braucht das Trostwort »Euer Herz erschrecke nicht!« einen guten Grund, und dieser Grund ist er ewige Gott. Es ist schrecklich, erschreckend, wenn das eigene Leben in einer Sackgasse steckt.
Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn uns der Ewige begegnet als Tür in ein neues Leben. Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!« Es ist schrecklich, erschreckend, wenn alle Zukunft dunkel ist. Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn der Ewige wieder neue Hoffnung in unserem Herzen keimen läßt. Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!« Es ist schrecklich, erschreckend, wenn ich unausweichlich meine Schuld, meine Abgründe, meine Ohnmacht vor Augen habe. Dieser Schrecken kann nur besiegt werden, wenn der Ewige uns in seine Arme nimmt und uns sagt: »Du bist mein.«
Deshalb: »Glaubt an Gott, habt Vertrauen!«. Von diesem ewigen Gott, dem Grund aller Hoffnung, der offenen Tür ins Leben und der durch nichts zu erschütternden Treue, wissen wir von diesem Mann aus Nazareth. Deshalb heißt es am Ende: »Und glaubt an mich!« Was nichts anderes bedeutet als: Glaubt an den Ewigen, von dem ich euch erzählt habe. Glaubt an den, der in mir jeden Tag bei euch war und ist und bleiben wird. Glaubt an den, der die heillosen Machenschaften auszutreiben und der zu heilen vermag. Glaubt an den, der euch lebenslänglich sucht und begegnet.
Die Jahreslosung schlägt einen Spannungsbogen und verbindet grundlegende Gefühle unseres Menschseins: Angst und Vertrauen. Aus aller Angst, die dem Erschrecken auf dem Fuße folgt, soll auch im neuen Jahr Vertrauen erwachsen. Das ist nötig, um das Leben anzunehmen und zu bewältigen.Vertrauen gewinnen und behalten heißt immer, einen Weg zu gehen. Auch wenn der Mann aus Nazareth seine Jünger verlässt, bleibt er der Weg und die Wahrheit und das Leben. Es ist der Weg des Lebens, so wie wir ihn kennen – ein Weg zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Erschrecken und Vertrauen, zwischen Verloren- und Gehaltensein.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und denen, die zu Ihnen gehören, und uns als unterwegs befindliche und bleibende Gemeinde ein gesegnetes Jahr 2010.
Ihr
Pfr. H.-O. Seidenschnur
Leitartikel Gemeindebrief Nr. 53
Liebe Leserin, lieber Leser,
Gibt es das,dass Ereignisse sich umkehren,dass der scheinbar
unabänderliche Lauf der Dinge gestoppt wird,dass Men-
schen,ja sogar ein ganzes Volk eine neue Perspektive bekom-
men? Was wie ein Fluch über ihnen lag,wandelt sich in Segen.
Wo nur Trümmer zu sehen waren,geistige und materielle,
beginnen Menschen etwas Neues zu bauen.Wo früher das
Gefühl der Vergeblichkeit und des Stillstands herrschte,wird
ihnen zugerufen:Ihr werdet gebraucht und ihr sollt ein Segen
sein.Unglaublich und doch wahr.
Mich haben die Worte des Propheten Sacharja,der 500 Jahre
vor Christus aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem
zurückkehrte und den dort Zurückgebliebenen die Verhei-
ßung Gottes zuspricht,sehr bewegt.Sie haben mich erinnert
an das,was wir in dieser Stadt und in unserer Gemeinde im
vergangenen Monat November und in den Wochen davor
gefeiert und bedacht haben:die Befreiung aus einer Situa-
tion,die unabänderlich schien oder anders gesagt:die Gabe
der Freiheit und die Aufgabe,die mit dieser Gabe untrennbar
verbunden ist.
Wenn Gott etwas schenkt und gibt,dann nie nur für unseren
Privatgebrauch.Seine Gaben wollen weiter wirken durch uns
hindurch.Wir sind gewissermaßen Multiplikatoren Gottes,
oder früher sagte man:Werkzeuge in der Hand Gottes.Was ist
das anderes als Jesu Rede vom Licht der Welt und Salz der
Erde.
»Segen« ist jedenfalls das genaue Gegenteil von »Privat«.Mir
scheint,dass die Privatisierung der guten Gaben Gottes eines
der Hauptübel im Zusammenleben der Menschen ist.Aber die
Gaben Gottes werden uns nur zum Segen,wenn wir bereit
sind,sie zu teilen.Freiheit,Wohlstand,wirtschaftliche Macht,
politischer Einfluss – was hat dieses Land und seine Men-
schen nicht alles erreicht nach dem letzten großen Krieg und
trotz dieser Vergangenheit – aber wie sehr sind wir nach wie
vor nur mit uns selbst beschäftigt.Müssten von unserem
Land,gerade wegen seiner auch dunklen Erfahrungen,nicht
deutlichere Impulse ausgehen,z.B.im Bereich der Entwik-
klungs- und der Rüstungspolitik?
Ich höre diesen Satz aber auch als befreiende Botschaft für
jede und jeden von uns.»Ich will euch erlösen« – darum geht
es doch,wenn wir in wenigen Wochen die Geburt Jesu feiern.
»Ich will euch erlösen,dass ihr ein Segen sein sollt.Fürchtet
euch nicht und stärkt eure Hände!« In diesem Satz steckt
eigentlich die ganze Botschaft des Neuen Testamentes:
Uns,die wir uns oft ziemlich ohnmächtig,einflusslos,oft
selbst wenig überzeugend finden – uns sagt Gott,er will uns
von all dem,was uns in unseren Augen und vielleicht auch
wirklich hindert,erlösen,damit wir ein Segen werden.Und ein
Segen ist man immer im Verhältnis und im Zusammenspiel
mit und für andere.
Ich – ein Segen! Muss uns bei dieser Verheißung nicht unser
Herz aufblühen,dass alle Sorge und Furcht zurücktreten und
wir frei werden,das Leben,das in Christus zur Welt kommt,zu
lieben,zu leben und zu bewahren?
Ich wünsche Ihnen im Zugehen auf die Weihnacht und dann
im neuen Jahr die Erfahrung dieses Segens.
Herzlich Ihr Pf.Gisbert Mangliers
Leitartikel Gemeindebrief Nr. 52
Gott spricht: Ich schenke ihnen ein anderes Herz
und schenke ihnen einen neuen Geist.
Ich nehme das Herz aus Stein aus ihrer Brust
und gebe ihnen ein Herz aus Fleisch.
(Ezechiel 11,19)
Liebe Leserin, lieber Leser,
Der Monatsspruch für den Oktober 2009 erinnert mich an das
Märchen »Das kalte Herz«.
Vielleicht liegt es lange zurück,dass Sie selbst Märchen gele-
sen oder erzählt haben.Nehmen Sie doch die Märchen von
Wilhelm Hauff wieder einmal zur Hand oder leihen sich diese
aus.Im Märchen »Das kalte Herz« geht es um Ähnliches wie
beim Propheten Ezechiel.Dadurch,dass die Menschen immer
mehr wollen,bleibt das »Herz aus Fleisch« auf der Strecke.Ein
»Herz aus Stein« ist ein kaltes Herz,das weder Ungerechtig-
keit noch Unrecht empfindet.Für die Situation,die dem Eze-
chiel-Wort voranging,heißt das:Gottes geliebtes Volk lebt so,
als gebe es Gott gar nicht.Zwar halten sie sich an Rituale und
Feiertage,aber alles ist längst hohl.Mit Gottes Erbarmen ist es
diesmal vorbei,die Babylonier schleppen das Volk in die Ver-
bannung – weit weg von der Heimat nach Babylon.
Ezechiel wird im Exil zum Propheten berufen.Die Verbannten
warten auf die schnelle Rückkehr nach Jerusalem und glau-
ben auch an die Unzerstörbarkeit ihrer Heiligen Stadt.Eze-
chiel aber sieht den Untergang Jerusalems voraus.Aber er
erfährt auch,dass Gott sein Volk in der Verbannung nicht im
Stich lässt,denn Gott ist nicht an Jerusalem und den Tempel
gebunden.So sieht er in einer Vision,dass die Erzengel im
Allerheiligsten des Tempels zu einem Wagen geworden sind,
auf dem Gott dahinfährt.So kann er auch bei den Verbannten
in Babylon sein.
Immer,wenn politische Systeme zusammenbrechen,geraten
Menschen in Unsicherheiten und Ängste.Wir gedenken im
Herbst ganz intensiv der Ereignisse vor zwanzig Jahren.Viele
Menschen haben sich damals in unseren Kirchen versammelt,
weil sie in den »heiligen Räumen« Zuspruch und Ermutigung
fanden.Sie hatten sozusagen ein »Herz aus Fleisch«,da sie
Ungerechtigkeit und Unrecht beim Namen nannten.Vieles
aber kam mit der sogenannten Wende anders als erwartet
und erhofft.Auch Ezechiels Visionen erfüllen sich nicht in
Details.
Das,was sich bewahrheitet ist,dass Gott mit seinem Volk mit-
geht.Zuspruch und Trost sind für die Menschen wichtig
geblieben,vor ca.2600 Jahren wie vor 20 Jahren und auch
heute für uns.Vieles war und ist in einer neuen gesellschaft-
lichen Situation zu bedenken.Dass wir ein »Herz aus Fleisch«
haben,bleibt wichtig.Dazu gehört,dass wir uns nicht verfüh-
ren lassen,unsere Grundeinstellung zu verraten oder zu ver-
kaufen,sei es für Geld oder für andere Annehmlichkeiten im
Leben.Unser Einsatz für den Frieden,die Bewahrung der
Schöpfung und für die Würde eines jeden Menschen kann uns
auch heute in unseren Entscheidungen leiten und hat nichts
von seiner Aktualität eingebüßt.Gerechtigkeit ist nach wie
vor ein Ziel,für das es sich zu kämpfen lohnt.Nicht immer wis-
sen wir,wie wir dies konkret umsetzen können.Doch wenn
wir vom richtigen Weg abgekommen sind,gibt es die Mög-
lichkeit eines Neubeginns.
Das Volk Israel hört durch den Propheten Ezechiel,dass Gott
einen Neuanfang ermöglicht und sowohl ein anderes Herz
wie einen anderen Geist schenkt.Das »Herz aus Fleisch«
ermöglicht auch eine Neubesinnung im Geist,wenn die Feh-
ler und Irrtümer der Geschichte in der Entfremdung von Gott
nun korrigiert werden.
Gott geht mit seinem Volk,mit dem Volk des Alten Bundes wie
mit dem Volk des Neuen Bundes,zu dem wir durch die Taufe
gehören dürfen.Nicht nur das Märchen »Das kalte Herz«,auch
die Geschichte Gottes mit den Menschen nimmt ein gutes
Ende,wenn wir uns darauf einlassen,was uns da zugesagt ist.
So wünsche ich Ihnen bei allem Rückblick in die Geschichte
auch das Vertrauen,dass Gott bei uns ist,heute und hier,an
den Orten,wo wir unseren Platz haben und wo wir unsere Ver-
antwortung wahrnehmen können,mit einem »neuen Geist
und einem Herz aus Fleisch«.
Ihre Pfarrerin Uta Fey
Leitartikel Gemeindebrief Nr. 51
"Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen."
Liebe Leserin, lieber Leser,
in einem Interview danach befragt, womit denn die DDR-Führung und die Staatssicherheit im Spätsommer und Frühherbst 1989 gerechnet habe, antwortet einer, der es wissen muss, mit diesen Worten:»Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen.«
Wenn wir uns heute – 20 Jahre danach – auf die Gottesdienste und Veranstaltungen im Herbst dieses Jahres vorbereiten, uns versuchen zu erinnern und zu vergegenwärtigen, fragen wir uns immer wieder, wer oder was dieses Wunder der friedlichen Revolution an und in uns und in unserem Volk bewirkt hat. Der Psychologe Bernhard Breuer hat in einer Betrachtung über »Die Macht der Gewohnheit« begründet, warum es oft einfacher erscheint, über die Dunkelheit zu klagen, statt ein Licht anzuzünden. Nämlich: Alte und bekannte Wege bringen zwar manche Unannehmlichkeit mit sich, auf sie ist aber Verlass, sie sind sicherer und man weiß, wo es lang geht.
Er kommt zu dem mir sehr einleuchtenden Schluss:»Erst wer die Dunkelheit als ein Stück Lebensverlust wahrnimmt, wen sie mehr ängstigt als das Wagnis, Licht zu machen, wird diesen Schritt innerer Befreiung gehen.«
Wir alle kennen beide Verhaltensmuster: das Verkriechen in den sicheren Schutzraum und die Klage über manche Dunkelheit im eigenen Leben und in der Welt u n d das Sich-Trauen, ein Licht anzuzünden und sich eben nicht von den vielen Befürchtungen das Leben nehmen zu lassen: von dem Bedürfnis nach Sicherheit, dem Drang nach Anerkennung, der Angst vor Versagen oder vor Nähe.
»Es ist oft hilfreich, (sagt Bernhard Breuer) sich dazu Unterstützung zu holen, einen Menschen, der einen bei diesem Prozess begleitet. Doch anzünden kann man das Licht nur selbst, denn es ist das innere Licht.«
Der Bergprediger Jesus von Nazareth, der im Johannes-Evangelium sagt: »Ich bin das Licht der Welt« (Johannes 8, 12) macht uns zu gleichberechtigten Partnern, wenn er von unserer Bestimmung spricht: Auch » i h r seid das Licht der Welt« (Matthäus 5,14), ihr seid als Lichtgestalten wie die Stadt auf dem Berg, die weit sichtbar in die Dunkelheit hinein leuchtet.
Sein Licht schenkt Erleuchtung, tief in unserem Innern werden wir von Licht erfüllt.»So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.« (Matthäus 5, 16)
Solchermaßen Erleuchtete stellen sich nicht ins Rampenlicht, lassen keine Scheinwerfer auf sich richten, ziehen keine Schau ab. Sie leuchten von Innen heraus, sind Menschen mit »Ausstrahlung «.Jesus von Nazareth hat mit seinem Licht tiefe Spuren in unser Leben gezogen und lässt selbst unsere Welt mit all den menschengemachten Abgründen und Brüchen in einem besseren Licht erscheinen.
Auch heute leben viele Menschen im Dunkeln. Ihre soziale Lage ist düster, auch ihre seelische. In seinem Selbstwertgefühl verletzt fühlt sich, wer in Armut lebt und seine Kinder nicht mal mehr von seiner Hände Arbeit ernähren kann. Wie viele Menschen sind seelisch krank und fallen in Depressionen. Andere packt die Wut, leisten Widerstand oder werden kriminell, schaden anderen und sich selbst.
Das die Dunkelheiten hellmachende und wärmende Licht lockt Menschen aus sich heraus: Diejenigen, die in ein depressives Loch gefallen sind, finden heraus, dass in ihnen nicht nur Leere und Dunkelheiten hausen. Die Einsamen finden heraus aus ihrer Einsamkeit, wenn sie von liebenden Menschen berührt und begleitet werden. Dieses Licht setzt in uns heilende Kräfte frei und macht das Leben wieder spürbar.
»Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen.« Es sind die Menschen gewesen, die gewusst haben wie das geht und wo die Streichhölzer liegen und dass sie sich die Finger verbrennen können.
Menschen, die diesen Schritt innerer Befreiung gegangen sind; in Ängsten und doch frei. Erleuchtete Menschen, die im Schein der Kerzen die vielen leuchtenden Gesichter gesehen und gespürt haben, wir sind nicht allein.
So weiß der Psalmist uns mitzunehmen in die Erkenntnis der Wahrheit: »Gott, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht« (Psalm 36, 10) – Licht, das wir selbst auch sein sollen und können.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr Pf. Heinz-Otto Seidenschnur